Victor Stein

HERMANN

EIN LESESPEKTAKEL

Hermann-Cover

Leseprobe

ZUVOR

(Teutoburger Wald.)

 

MARX: Ich stehe im Wald. Deutschem Wald. Ich, der Buchen nicht sucht. Der Eichen schon immer meidet.

 

BANDEL: Niemand missachtet das Eichenlaub ungerochen.

 

VARUS: Abholzen. Ich sage: „Abholzen!“ Kulturvölker verwerten die Wälder. Wie einst die Griechen, so wir Römer. Zum Schiffsbau. Forste zu Flotten!

 

BANDEL: Noch immer ragt der Teutoburger Wald. Dank Hermann.

 

BARTHOLDI: Der deutsche Wald, die Bäume fressen Fleisch.

 

HERMANN: Verschlingen Römer.

 

SEGESTES: (Zu Hermann.) Hätte der Wald dich getilgt!

 

BANDEL: Hermanns blitzendes Schwert züchtigt Besatzer. Germanen fegen Fremdvölker hinweg.

 

THUSNELDA: Flammen züngeln nach mir. Hermanns Feueratem.

 

HERMANN: Waldespracht. Waldesduft. Blätterrauschen.

 

BANDEL: (Singt den Refrain der „Waldandacht“.) Der Liebe Gott geht durch den Wald.

 

BARTHOLDI: Die Wälder Frankreichs taugen zu Jagd und Wildbret. Zu Lichtungen, auf denen sich picknicken lässt.

 

VARUS: Dass wir die Axt nicht an ihre Bäume legten, war der erste Schritt zur Niederlage.

 

SEGESTES: (Zu Varus.) Jetzt, da Sie tot sind, nützt Ihnen diese Einsicht nichts mehr.

 

VARUS: (Zu Segestes.) Klügelt da, wer als Pensionär von kaiserlichen Gnaden römische Steuergelder verzehrt?

 

MARX: Das weltumspannende Proletariat ist nicht wild, sondern klassenbewusst. Der deutsche Wald ist sentimentales Überbleibsel abgelebter Zeiten. Ins Sägewerk mit ihm.

 

THUSNELDA: Still, ich höre Schritte.

 

VARUS: Tritte, unter denen der Humus erzittert.

 

SEGESTES: Weit ausholend wie die von Götterboten.

 

MARX: Wahn, Wahn! Der pure Wahn! Aberglaube spukt umher.

 

BARTHOLDI: Das könnte immerhin leichtfüßiger geschehen.

 

SEGESTES: Tote werfen sich aus ihren Gräbern. Schwerter klirren. Pfeile schwirren.

 

BARTHOLDI: Hier tobt eine Geisterschlacht.

 

BANDEL: Nein, ein Festspiel. Hermanns Sieg setzt sich in Ewigkeit fort. Hermann der Cherusker, Deutschlands Befreier. Die Schlacht im Teutoburger Wald. Welch eine Wendung durch Gottes Führung!

 

VARUS: Abholzen. Alles abholzen. Verwerten.

 

THUSNELDA: (Zeigt in Richtung der Schritte.) Das Riesenweib.

 

(Alle – außer Bartholdi – erstarren.)

 

 

1

(Bandels Atelier in Hannover. Der fertige Kopf des Hermannsdenkmals. Werkstücke von Rumpf und Extremitäten.)

 

HERMANN: Der Helm ist ein Witz. Albern. Peinlich. Thusnelda hätte sich vor Lachen gebogen.

 

BANDEL: Die Schwingen zeigen, wie hoch, Fürst, Ihr Geist, Ihr Gemüt, Ihre Tapferkeit auffliegen. Wie sehr Hermann den Feind überflügelt.

 

HERMANN: Schwingen an einem römischen Offiziershelm.

 

BANDEL: Nicht so recht römisch. Der Germane nimmt sich von Rom, was er braucht. Er fügt es dem Eigenen hinzu.

 

HERMANN: Offen gestanden benötigten wir viel. Fließendes Wasser.

 

BANDEL: Das Rauschen der Bäche.

 

HERMANN: Ich meine Wasserleitungen.

 

BANDEL: Zivilisation. Pah.

 

HERMANN: Fußbodenheizungen.

 

BANDEL: Nur am offenen Feuer erzählen sich Heldenlieder wie die von Hermann dem Cherusker.

 

HERMANN: Sie sind ein Freund des Urtümlichen. Ich bin es nicht.

 

BANDEL: Worin Sie Rom gewiss nicht nachahmen mussten, war Heldenmut. Den besitzen Sie selbst.

 

HERMANN: Heldenmut taugt zu nichts, wenn Scharfsinn und List fehlen.

 

BANDEL: Beide warf Hermann in die Waagschale, als er drei Legionen in die tödliche Falle lockte. Nicht zu unterscheiden, was ihm höheren Ruhm schuf, seine Tapferkeit oder seine Klugheit.

 

HERMANN: Reißen Sie die Flügel vom Helm.

 

BANDEL: Fürst, bitte bedenken Sie, es würde den kompositionellen Zusammenhang gefährden. Die Proportionen.

 

HERMANN: Das sagten die Bildhauer in Rom auch immer, wenn Augustus die Braue lüpfte.

 

BANDEL: Betrachten Sie Ihr erzenes Antlitz. Den Zug ins Größte. Jede Einzelheit trägt zum Erhabenen des Ganzen bei. Weite und Helligkeit allerorten. Das sonnenhafte Auge. Die Nase, die jeden Dunst durchsticht, um den Feind zu wittern. Der Mund, bereit zu befehlen, anzufeuern, Ihr Volk zu einen.

 

HERMANN: Diese Mienen unterschlagen Entscheidendes. Die List und Tücke, die es braucht, um einen weit überlegenen Gegner zu vernichten.

 

BANDEL: List und Tücke sind für die Monumentalplastik keine Kriterien. Der Held ist eindimensional.

 

HERMANN: Wo ist das Modell des gesamten Denkmals? Lassen Sie sehen.

 

BANDEL: Es ist zu gering für Ihre Größe.

 

HERMANN: Oder warten Sie etwa mit weiteren Scheußlichkeiten vom Schlag des Flügelhelms auf?

 

BANDEL: Könige zollen mir Lob.

 

HERMANN: Zeigen Sie her. „Non cunctans. Stante pede.“ Das Lateinische ist prägnanter als das Cheruskische, die germanischen Sprachen überhaupt. Germanische Idiome neigen zur Geschwätzigkeit.

 

BANDEL: (Fährt das Modell des Hermannsdenkmals auf einem Servierwagen herein. Enthüllt es.) Ihre Apotheose, Fürst.

 

HERMANN: Ein römischer Muskelpanzer. Ein germanisches Langschwert. Meine Apotheose? Ich werde zur Karikatur. Sie verspotten mich! (Geht auf Bandel los.) Du Wicht! Den ich beim Zottelbart packe!

 

BANDEL: (Kreischt vor Angst.) Wie der listenreiche Odysseus schützte Hermann den Römer vor, um ihn mit germanischem Stahl niederzustrecken.

 

HERMANN: (Besänftigt. Blickt neuerlich auf das Modell.) Im kurzen Röckchen. Das trug ich nur in Rom. Hier in Germanien ging ich in Hosen. Selbst die römischen Besatzer taten das. Vorwitzig wie sie war, hätte mir sonst Thusnelda unter den Mini geschaut. Jetzt hat sie die Möglichkeit dazu. Ich danke Ihnen.

 

BANDEL: Bewahre. Der deutsche Recke ist keusch. Ich werde keine unziemlichen Einblicke gestatten.

 

HERMANN: Sie hätten der Fürstin einen großen Gefallen erwiesen.

 

BANDEL: Doch würden die vielen Pilger zur nationalen Weihestätte Anstoß daran nehmen.

 

HERMANN: (Erneut vom Furor gepackt.) Wehe, jemand erklärt für anrüchig, was Thusnelda gefällt.

 

BANDEL: Bewahre, doch gönne ich der Fürstin Privatissima, die allein ihr vorbehalten sind.

 

HERMANN: (Betrachtet das Modell nochmals.) Die Kostümierung insgesamt ist grässlich. Aber mit der Haltung, in der ich auf dem Sockel stehe, kann ich mich anfreunden.

 

BANDEL: Eben darauf kommt es an, die Haltung. Dafür werden Hermann – wie jeder vaterländisch Gesonnene einst und heute – noch fernste Generationen preisen.

 

HERMANN: Ich kann damit leben. Varus konnte es nicht.

 

BANDEL: Der Schändliche.

 

HERMANN: Eitel bis in die Knochen. Dennoch ein erfahrener Diplomat. Aber kein Feldherr. Kein Mann, um Germanien bis an die Elbe zu erobern. Eine glatte Fehlbesetzung. Wer von uns hoffte, mit den Römern über die Nachbarstämme herzufallen, sie auszurauben, zu plündern, brandzuschatzen, sah sich getäuscht.

 

BANDEL: Kollaborateure unter Cheruskern? Ein klägliches Häuflein. Rasch auszumerzen.

 

HERMANN: Pferde und Weiber der Fremdstämme entzückten. Mochten die Römer unsere Nachbarn doch bezwingen. Solange hilfswillige Cherusker anteilige Beute einstrichen.

 

BANDEL: Ein Fürst, der nahe beim Volk steht, ist stets zu loben. Denn nur solche Herrscher ernten Ruhm, die ihre Untertanen von der geschichtlichen Notdurft überzeugen.

 

HERMANN: Nennen Sie es, wie Sie möchten.

 

BANDEL: Der Wetterstrahl aus Ihrem blitzenden Auge drang mitten ins Gemüt der tapferen Recken.

 

HERMANN: Suff und die Aussicht auf Beute und Sklaven, mehr noch Sklavinnen, bewegte die Cherusker. Sie dachten in kurzen Fristen. Die Männer lebten in den Tag. Ab und zu schlugen sie wen tot. Schwängerten eine Frau. Oder prahlten im Thing. Kein schlechtes Leben. Drei Legionen abzuschlachten, verhieß Waffen aus bestem Stahl, die prall gefüllte römische Kriegskasse, Offiziersluxus aus Gold und Edelsteinen, fügsame Trossweiber. Kurze Anstrengung würde mit langwährendem Faulbett und Lotterleben belohnt.

 

BANDEL: Doch wandelten Sie der Krieger Gemüt von niedrigen Beweggründen in hohe Gesinnung.

 

HERMANN: Vor allem zog ich die Leute auf meine Seite.

 

BANDEL: Sie einten das Volk.

 

HERMANN: Beinahe. Einige blieben misstrauisch.

 

BANDEL: Diese Verworfenen.

 

HERMANN: Ich musste meinen Erzwidersacher – meinen Schwiegervater – bändigen, ihn auf den zweiten Platz verweisen. Segestes war brandgefährlich.

 

BANDEL: Der Ehrvergessene. Der Römling.

 

HERMANN: Segestes’ Haltung gegenüber Rom war annehmbar.

 

BANDEL: Ich verstehe nicht recht.

 

HERMANN: Ekelhaft liebdienerisch, aber grundsätzlich auf der richtigen Spur.

 

BANDEL: Sie verteidigen einen Mann, der die Cherusker an die Römer auszuliefern gesonnen war?

 

HERMANN: Was sollte ein römischer Ritter wie ich anderes tun?

 

BANDEL: Als römischer Ritter, gewiss. Doch besannen Sie sich auf Ihren cheruskischen Führerrang.

 

HERMANN: Vielleicht ohne es zu ahnen, sagen Sie da etwas Richtiges.

 

BANDEL: Helfen Sie mir auf die Sprünge, Fürst.

 

HERMANN: Einzig der Platz an der Spitze der Cherusker schützte mich vor den Nachstellungen des Segestes. Mein Los hieß Aufstieg oder Fall.

 

BANDEL: Sie reduzieren den Befreiungskrieg auf die Rivalität zweier Fürsten?

 

HERMANN: Die Machtfrage ist keine Kleinigkeit. Macht weitet Spielräume. Öffnet Ruhmeshallen. Errichtet Denkmäler. Sie, Bandel, liefern den Beweis.

 

BANDEL: Die Schlacht im Teutoburger Wald als bloßer Vorwand, um den Konkurrenten kaltzustellen? Gab es kein weniger umständliches Mittel?

 

HERMANN: Jedes andere, als die Römer zu schlagen, wäre tollkühner gewesen. Segestes’ Anhang war bedeutend. Ich musste Schwiegervater durch Kriegstaten überflügeln. Geltung erfechten, die nicht einzuholen war. Allein der Sieg in Schlacht und Krieg konnte die Misstrauischen unter den Cheruskern auf meine Seite ziehen. Ich trieb das lang erprobte Spiel, innere Konflikte auf einen äußeren Feind abzulenken.

 

BANDEL: Und die hehren Losungen von Freiheit, Tradition, Vaterland und Ruhm?

 

HERMANN: Parolen, die hoch und herrlich tönen, in der Tat. Vor allem der Ruhm. (Erblickt ein ihm unbekanntes Textil. Nimmt es in die Hand.) Was ist das?

 

BANDEL: Meine Nachtmütze. Sie rutschte mir vom Kopf, als ich – noch bevor der Morgen dämmerte – aufstand, um Ihr kupferglänzendes Heldenhaupt im Mondschein zu betrachten.

 

HERMANN: Flügelhelm und Nachtmütze, wie passend.

 

 

2

(An der Weser. Hauptquartier des Varus.)

 

VARUS: (Zu Segestes.) Sie sind rührend besorgt um mein Wohlergehen, Fürst. Jedes Ihrer Worte wiegt schwer. Doch seien Sie beruhigt. Ich bin auf der Hut. – Probieren Sie diese Pastete.

 

SEGESTES: Hermann ist durchtrieben wie kein zweiter.

 

VARUS: Vor allem ist er römischer Ritter. Mithin beides, groß bei den Cheruskern und von Augustus in Roms Adelsstand erhoben. Ein Bilderbuchfreund meiner Nation. Wie Sie, Fürst. Ganz wie Sie. Was sagen Sie jetzt, ich meine zur Pastete? Schmilzt auf der Zunge. Ausgezeichnet, nicht?

 

SEGESTES: Ich fürchte, Feldmarschall, Sie halten mich für befangen.

 

VARUS: Wer darf einem Vater verwehren, mit dem Entführer seiner Tochter zu hadern? Mag aber sein, Hermann ist nicht die schlechteste Wahl für einen Schwiegersohn. Der Mann hat Qualitäten. Nicht zuletzt die einer glänzenden Offizierslaufbahn in römischen Diensten. Wollten Sie Hermanns Vorzüge erwägen, Fürst, so hätten Sie die Lage für sich entschieden. Was halten Sie vom Wein? Füllige Himbeeraromen mit einer Spur Aprikosenfrische. Traumhaft im Abgang.

 

SEGESTES: Hermann dient weder Rom noch uns Cheruskern. Er kennt einzig den eigenen Ehrgeiz. Der Verräter giert nach dem Königtum. Zum Unheil Roms wie dem seines eigenen Volkes. Hermann wird Römer und Cherusker aufeinanderhetzen. Uns in Krieg und Verhängnis stürzen.

 

VARUS: Mein Lieber, ich bin des Augustus Mann für die schwierigsten Fälle. Ich sehe auf die Gesamtlage zwischen Elbe und morgenländischen Wüsten. Weshalb neigt sich weltweit die Waage auf Seiten Roms? Weil römische Waffen mit unserer Staatskunst einher gehen. Römer marschieren tüchtig voran und verhandeln klug. Es heißt, wir verfolgen die Politik des Teile und Herrsche. Ein Vorurteil. Zwist behagt uns nicht.

 

SEGESTES: Sie sprechen über Ihre Erfolge in Syrien.

 

VARUS: Und dem benachbarten Judäa. Dort wüteten im Palast des Königs Herodes Neid und Mord. Ich erledigte die Querelen. Seither herrscht Ruhe im Nahen Osten.

 

SEGESTES: Erzählen Sie, Feldmarschall. Mein Blick haftet nicht am cheruskischen Tellerrand. Gern sehe ich in die weite Welt hinaus. Wer schildert sie kundiger als Varus?

 

VARUS: Die Sache schien aussichtslos. Herodes der Große war ein äußerst zeugungsfreudiger Monarch. Er hätte aus seinen Söhnen eine ganze Zenturie rekrutieren können. Zahlreiche seiner Sprösslinge trachteten dem König nach Leben und Königskrone. Teilweise aus eigenem Ehrgeiz, teilweise angestachelt durch die von Herodes sitzengelassenen Mütter. Der König musste den Großteil der Brut wieder loswerden. In Judäa lief bereits das Gerücht, der König habe befohlen, alle männlichen Neugeborenen zu schlachten.

 

SEGESTES: Zu einem solchen Ruf muss man es erst einmal bringen.

 

VARUS: Augustus hatte vor sich hingezischt: „Lieber ein Schwein im Stall des Herodes als sein Sohn.” Sie müssen wissen, Fürst, das Schwein gilt im Morgenland als unrein. Sein Fleisch befleckt.

 

SEGESTES: Cherusker stechen Nachbarvölker und Keiler ab, nicht die eigenen Söhne.

 

VARUS: Als selbst der vom großen Herodes als Kronprinz eingesetzte Antipatros seinen Vater zu meucheln sann, bestärkte ich den König darin, den Aufrührer zu beseitigen. Der Kronprinz war unrettbar. Zu sehr hatte er sich im Netz der eigenen Intrigen verfangen.

 

SEGESTES: Dahin auch zielt Hermanns Laufbahn.

 

VARUS: Nachdem Herodes der Große hingeschieden war, bewegte ich die bis auf Dolch und Gift verfeindeten Erben des Königs zu tragfähig gütlichem Einvernehmen. Froh, die Gegend befriedet zu haben, kehrte ich von meinem syrischen Posten nach Rom zurück. Augustus gratulierte mir zu dem staatsklugen Meisterstück. Der Erhabene meinte, wenn ihm erlaubt wäre, für diplomatische Kunst die Triumphalabzeichen zu vergeben, dann gebührten sie mir. – Kosten Sie vom Antilopenschinken. Delikat, nicht wahr.

 

SEGESTES: Sie treiben Weltpolitik. Ihre syrischen Leistungen schrieben Geschichte. Der Fall Hermann liegt leider anders. Weder Herodes noch seine Söhne oder Erben hatten sich gegen Rom verschworen. Im Gegenteil, sie bauten auf Augustus und Sie, seinen Statthalter. Wie auch ich auf Rom und Varus baue.

 

VARUS: Sehen Sie.

 

SEGESTES: Im Gegensatz zu Hermann, der den Freund und Verbündeten nur heuchelt.

 

VARUS: Das politische Geschäft erzwingt ein bisweilen taktisches Verhältnis zur Wahrheit. Fürst, ich wünschte, Sie wären so weit in der Welt herumgekommen wie ich. Von einem Krisenherd zum nächsten. Sie wären gelassener. Was aufrechte Cherusker wie Sie Durchtriebenheit und List nennen, das heißt woanders treuherzigste Brüderschaft.

 

SEGESTES: Werfen Sie mir später einmal nicht vor, ich hätte Ihnen die Wahrheit vorenthalten.

 

VARUS: Hermanns Brust ist mit römischen Orden und Ehrenzeichen bestückt. Er ist ein erfolgreicher Reiteroberst, der Rom auf entscheidenden Feldzügen viele wertvolle Dienste geleistet hat. Augustus sieht ihn mit Wohlgefallen. Der Mann ist eine Erscheinung. Ab und an verkehrte Hermann bei mir in Rom. Immer, wenn er mein Gast war, seufzten meine Töchter und meine Gemahlin vor Wohlgefallen. Glauben Sie mir, ich hätte guten Grund zu Misstrauen und Eifersucht.

 

SEGESTES: Der Kerl bedient sich, wo er nur kann. Ob an Weibern oder Verrat, bleibt einerlei.

 

VARUS: Sie sprechen vom Raub der Tochter, ich sage: „Einvernehmliche Entführung.“ Längst wohl hatte Thusnelda ein Auge auf Hermann geworfen.

 

SEGESTES: Sie war verblendet. Ist es noch.

 

VARUS: Ich spiele den üblen Vorgang nicht herunter. Rückkurbeln lässt er sich nicht. Eben darin, Fürst, besteht Ihre Chance, ruhmvollst in die cheruskische Geschichte einzugehen. Ihre Tochter wurde Gemahlin des rivalisierenden Sippenhaupts. Nehmen Sie dies zum Anlass eines einzigartigen Versöhnungswerks. Einen Sie die cheruskische Elite durch engste verwandtschaftliche Beziehungen. „Tu felix Cheruscia nube!“

 

SEGESTES: Sie eröffnen da womöglich eine neue Sichtweise.

 

VARUS: Aber gewiss doch. Erheitern Sie sich, Fürst. Werden Sie cremig. Am besten, ich erzähle Ihnen weitere Geschichten aus dem Orient. Ein seltsames Terrain. Es gibt Gebiete, in denen sich die religiösen Parteien bis aufs Messer befehden, obwohl sie alle an nur einen Gott glauben. Die merkwürdigsten Wanderprediger durchziehen das Land. Ein Verrückter im Kamelhaarmantel, der Heuschrecken und wilden Honig frisst, drückt seine Anhänger bis über den Scheitel ins Wasser, um sie auf den Weltuntergang vorzubereiten. Aber ich sehe, Ihr Glas ist leer. Das darf nicht passieren. Dazu ist dieser Wein einfach zu gut. (Lässt nachschenken.)

 

 

3

(Am Rand des Teutoburger Waldes. Rehe mit leuchtenden Augen, brünftige Hirsche mit geilem Blick, neugierige Wildschweine lugen zwischen den Bäumen hervor.)

 

HERMANN: Mein Licht.

 

THUSNELDA: Mein Leben.

 

HERMANN: Du Wonne.

 

THUSNELDA: Sonnenhell leuchtet der Tag.

 

HERMANN: Stern, der mich leitet.

 

THUSNELDA: Bursche, dem ich mich gab.

 

HERMANN: Der lang und länger …

 

THUSNELDA: Auch bang und bänger?

 

HERMANN: Um dich warb.

 

THUSNELDA: Freier, der mich rührte.

 

HERMANN: Frau, die ich entführte.

 

THUSNELDA: Dem Vater verloren.

 

HERMANN: Thusnelda, mir erkoren.

 

THUSNELDA: Hermann, schönster Gewinn.

 

HERMANN: Thusnelda, tiefster Sinn.

 

THUSNELDA: Paar, in dem Götterlachen sprudelt.

 

HERMANN: Wie das kitzelt.

 

THUSNELDA: Und krabbelt.

 

HERMANN: Stark sind wir.

 

THUSNELDA: Wir leben bis ans Ende der Welt.

 

HERMANN: Ins Grenzenlose hinaus.

 

THUSNELDA: Solange wir die Himmlischen erfreuen.

 

HERMANN: Immer von Neuem.

 

THUSNELDA: Ich sinke dir ins Auge.

 

HERMANN: Ich bade in deinem Blick.

 

THUSNELDA: Hänge an deinen Lippen.

 

HERMANN: Flüstere dir was.

 

THUSNELDA: Knabbere dir am Ohrläppchen.

 

HERMANN: Halb schlummernde Wörter erwachen …

 

THUSNELDA: … verwandelt.

 

HERMANN: Drängen zur Tat.

 

THUSNELDA: Heilig.

 

HERMANN: Ewig.

 

THUSNELDA: Entzückt.

 

HERMANN: Wörter wie keine blühen dem Paar.

 

THUSNELDA: Du leuchtest mir heim.

 

HERMANN: Was ich an mir finde, hast du längst entdeckt.

 

THUSNELDA: Ehe ich wünsche, kommst du zuvor.

 

HERMANN: Beilager halten.

 

THUSNELDA: Berg und Tal durchwalten.

 

HERMANN: Matt auf nächtlichem Lager vergehen.

 

THUSNELDA: Ins unerhörte Blau des neuen Tages aufstehen.

 

HERMANN: Den Bedrücker verjagen, das gierig gefräßige Rom.

 

(Hermanns Parteizentrale fährt vom Himmel herab. Über dem Schreibtisch der cheruskische Adler.)

 

THUSNELDA: Um König zu werden?

 

HERMANN: Meine Königin.

 

THUSNELDA: Königin? Steigert der Titel mein Vorrecht, deine Frau zu heißen? König und Königin klingen schrill in Cheruskerohren. Ich bin Cheruskerin.

 

HERMANN: Lieder, die Cheruskiens Geschichte singen, werden Thusnelda, Königin der Cherusker, rühmen. Thusnelda, das Staunen der Völker.

 

THUSNELDA: Mir reicht der Fürstenstand. Könige zwingen das Volk. Fürsten wie wir herrschen mit dem Volk.

 

HERMANN: Die Römer müssen aus dem Land. Es braucht einen starken Führer.

 

THUSNELDA: Einen Hermann.

 

HERMANN: Cherusker allein werden Rom nicht schlagen. Die Nachbarn und Übernachbarn müssen sich uns verbünden.

 

THUSNELDA: Du wirst die Völker einen.

 

HERMANN: Ich bin Cheruskerfürst unter Cheruskerfürsten, schon im eigenen Volk umstritten. Dein Vater ist mein Feind.

 

THUSNELDA: Wundert dich das? Du spielst kühner, tapferer, verwegener als er. Du schließt ihn aus. Nicht genug damit. Du entzweist ihn mit seiner Tochter. Du stahlst mich ihm.

 

HERMANN: Die beste meiner Taten.

 

THUSNELDA: Loben werde ich sie nicht. Ich willigte ein, weil ich dich liebe.

 

HERMANN: Männer wie Segestes sind zu bequem für die Zukunft. Die Römer schmeicheln ihm. Solange er Fürstenrang und Vorrechte behält, gibt er sich als gefügiges Werkzeug der Besatzer her.

 

THUSNELDA: Im Dunstkreis des Augustus atmetest du Kaiserluft. Der Giftnebel stieg dir zu Kopf.

 

HERMANN: Nur Monarchen einen Volk und Völker.

 

THUSNELDA: Fürstlichster der Fürsten, wirst du Amtsgenossen und Stämme dir fester als Könige verbinden. Frei, wie ich dein Lager teile, sollen die Leute dir folgen.

 

HERMANN: Freiheit ohne Einheit hat keine Dauer. Sie schwächelt durch inneren Zwist, Fremdmächte bringen sie zur Strecke. Ehe sie sich versieht, duckt sie sich unter das Besatzerjoch.

 

THUSNELDA: Schmiedet nicht auch Einheit unter der Herrschaft eines Einzigen Tyrannenketten? Kann sein, leichtere. Dafür welche, die desto fester schließen.

 

HERMANN: Könige, die nicht vom Volk erhoben werden, sind Thronräuber. Frei und gleich werden die Cherusker mich nach dem Sieg über die Römer zum König ausrufen.

 

THUSNELDA: Oder dich töten. Wer gegen ihren Willen auf den Königsrang lauert, muss ihnen unerträglich sein.

 

HERMANN: Gegen Varus heißt es Tod oder Leben. Für die Königswürde heißt es Tod oder Leben.

 

(Die Parteizentrale fährt in den Himmel oder wohin immer. Der cheruskische Adler fliegt davon.)

 

HERMANN: Dein Blick strahlt die blondesten Wetter.

 

THUSNELDA: Dein Mund donnert heitere Eide.

 

HERMANN: Deine Hand führt siegreiche Streiche.

 

THUSNELDA: Herzenshermann.

 

HERMANN: Weib, das mich labt und weidet.

 

THUSNELDA: Kerl, dem ich auf den Leib schreibe.

 

HERMANN: Ich erlege den römischen Drachen.

 

THUSNELDA: Badest in seinem Blut.

 

HERMANN: Lindenduft im Abendwind.

 

THUSNELDA: Du steigst aus dem Blutbad. Unverwundbar.

 

HERMANN: Nicht ganz. Thusnelda wird meine schwache Stelle kennen.

 

THUSNELDA: (Zieht Hermann an sich.) Zu mir!

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