Michael Kaminski

Uta

Dank kunsthistorischer Forschung verliert Uta von Ballenstedt im UNESCO-Welterbe Naumburger Dom zunehmend ihre Identität als Inbild der deutschen Frau und ihrer Gemütstiefe. Fester und fester verbindet sich der Name nun mit jenem fröhlich schäkernden Weibsbild, das den Platz gegenüber jenem hyperprominenten Bildwerk einnimmt und lange als polnische Prinzessin Reglindis galt. Wie immer dem sei, die Situation zeigt sich nun offen für die unbefangene Annäherung ans Sujet. Zeit daher für ein Theaterstück.

Copyrightvemerk:
Alle Rechte beim Autor. Michael Kaminski 2020.

Bildnachweis:
“Uta im Naumburger Dom” von Fewskulchor Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE Modifizierung: Schwarz-Weiß
“Reglindis” von Linsengericht Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE Modifizierung: Schwarz-Weiß

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Leseprobe

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Uta/Reglindis: Und wäre ich Polanin?

Emphatisch Gelehrter 1: Deutsch seid Ihr wie keine. Niemand

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aus den Fremdvölkern blickt hoheitsvoll wie nur deutsches Gemüt es der deutschesten der Deutschen eingibt.

Uta/Reglindis: Deutsch ist für mich ein Fremdwort. Weil ich es nicht kenne, werde ich es auch wohl kaum sein. Fremdwort gehört zu Fremdvolk. Also bin ich Polanin.

Emphatisch Gelehrter 1: Germanin. Ihr, Hohe Frau, seid Germanin.

Uta/Reglindis: Wenig Wimpernschläge zuvor noch war ich deutsch. Jetzt soll ich germanisch sein. Ihr wisst selbst nicht, wer ich bin. Da bleibe ich lieber Polanin.

Emphatisch Gelehrter 1: Deutsch und germanisch sind eines.

Uta/Reglindis: Ihr redet wirr. Von Anbeginn schient Ihr ein wenig aus der Spur. Oder nennen wir es besser zerstreut. Die Zerstreutheit des Gelehrten eben.

Emphatische Gelehrter 1: Frau Markgräfin sind ein wenig mutwillig.

Uta/Reglindis: Sollte das nicht zu mir passen?

Emphatisch Gelehrter 1: Ein bisschen keck darf die deutsche Frau schon sein. Vor allem die, die auf Zucht sieht wie keine. Ihr, Uta.

Uta/Reglindis: Nicht übertreiben.

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Emphatisch Gelehrter 1: Ihr seid die Zucht in Person. Ihr könnt gar nicht übertreiben.

Uta/Reglindis: Selbst wenn ich Polanin bin.

Emphatisch Gelehrter 1: Ihr prüft meine Ernsthaftigkeit, Gediegenheit, Treue, nationale Gesinnung, meinen völkischen Eifer. Ich halte Stand. Ich bleibe fest.

Uta/Reglindis: Wie ein Mönchlein bebt Ihr vor mir, das zum Mönch nicht taugt, weil es feucht vom Blondchen träumt.

Emphatisch Gelehrter 1: Ihr seid das keuscheste der Weiber.

Uta/Reglindis: Polaninnen verstehen davon nichts?

Emphatisch Gelehrter 1: (Singt.) “In einem Polenstädtchen …”

Uta/Reglindis: Das Mädel küsste nie.

Emphatisch Gelehrter 1: Eine Kokette, die solange mit Reizen haushielt, bis die Artfremde den deutschen Mann umgarnt hatte.

Uta/Reglindis: Werde ich je begreifen, was einen gelehrten Mann wie Sie für diese Deutschen und Germanen einnimmt? Es mutet wie bloße Zeitverschwendung an.

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Emphatisch Gelehrter 1: Auf Höheres, als ich erstrebe, lässt sich nicht zielen: das interesselose Wohlgefallen an der eigenen Art.

Uta/Reglindis: Wie halte ich es nur aus bei der Polanin?

Emphatisch Gelehrter 1: Beständig treibt mich eben diese Frage nach den Grenzen Eurer Duldsamkeit um. Schon der Polin Anblick belästigt.

Uta/Reglindis: Wenn sie nun aber eine Deutsche wäre?

Emphatischer Gelehrter 1: Die? Eine Deutsche? Nimmer. So undeutsch wie die ist selten eine in deutschen Domen.

Uta/Reglindis: Mitunter schließen selbst Koryphäen kurz.

Emphatisch Gelehrter 1: Oft mag ich irren, in diesem Fall bin ich gewiss.

Uta/Reglindis: So sehr, wie ich deutsch und adelig über den Mantel schaue?

Emphatisch Gelehrter 1: Nicht anders.

Uta/Reglindis: Was dann ist mit der Polanin?

Emphatisch Gelehrter 1: Dass sich deutsches Blut slawisch versippte, kann nur das Produkt eines kranken Geistes sein, eine unmännliche Tat, die der Polin entartet germanischer

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Gatte auf seine klägliche Weise bitter bereute, als er ins Kloster ging. Um auf dem Feld der Ehre zu fallen, war er bereits zu durchweicht.

Uta/Reglindis: Weshalb wurde die Polanin eineinhalb Jahrhunderte nach ihrem Tod nicht vermieden, sondern abgebildet und den Stiftern beigesellt?

Emphatisch Gelehrter 1: Deutsche unterschlagen nicht. Aber der Meister gab der Wahrheit die Ehre. Jeder sieht, dass die Polin einfach nicht in die Reihe passt.

Uta/Reglindis: So wie man sieht, dass keine hier mehr am Platz ist als ich.

Emphatisch Gelehrter 1: Ihr sagt es.

Uta/Reglindis: Ich, die Polanin.

Emphatisch Gelehrter 1: (Will schelmisch wirken.) Inzwischen kenne ich Euren Mutterwitz.

Uta/Reglindis: Nichts Ihr Wicht. Hier, mein Stammbaum. Polane auf Polane. Mehr Polanen jedenfalls als du Germanen, Germanisten oder Deutsche im Stammbaum führst.

Emphatisch Gelehrter 1: “Mieszko,Kasimir, Wladislaw, Zbigniew; Boleslaw, der unverschämt deutschfeindliche Chrobry …” – Hoheitvoll und übermächtig blitzt Euer grausamer Scherz mich nieder.

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Uta/Reglindis: Der vermeintlichen Polin Stammbaum wird Euch weitaus stärker zusagen als der meine.

Emphatisch Gelehrter 1: Stammbäume sind für Bürokraten, für Pedanten, ich bin ein Begeisterter. Mir geht es um das Innerste, um Wahrheit; die deutsche Seele.

Uta/Reglindis: Gab ich Euch die tiefen Blicke?

Emphatisch Gelehrter 1: Deshalb seid Ihr deutsch. Seid Germanin.

Uta/Reglindis: Noch wenn die Reihe meiner Ahnen vom Gegenteil spricht?

Emphatisch Gelehrter 1: Was bedeutet ein totes Stück Papier gegen die lebenspendende Wahrheit eines Standbilds vom Höchstrang der Naumburger Uta!?

Uta/Reglindis: (Referiert.) Als Kunstwerk bin ich deutsch.

Emphatisch Gelehrter 1: Deutsch schlechthin. Eines deutschen Meisters deutschestes Werk.

Uta/Reglindis: Ehrt mir die deutschen Meister, auch wenn mir nicht einmal dämmert, um wen es sich dabei handeln soll.

Emphatisch Gelehrter 1: Der deutsche Meister bildete die deutsche Frau. Eben jene Herrin, die Walther von der

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Vogelweide und seine Dichtergefährten nimmermüde priesen.

Uta/Reglindis: Meister gewiss, aber deutsch?

Emphatisch Gelehrter 1: Deutsch wie keiner. Deutsch schlechthin.

Uta/Reglindis: Sollte ich in dem Fall nicht auch seine Sprache verstehen?

Emphatisch Gelehrter 1: Wie keine.

Uta/Reglindis: Küchenlateinisch radebrechten wir miteinander. Aus seiner Muttersprache verstand ich einzelne Wörter, aber keinen Zusammenhang. Ehestens war er Franke.

Emphatisch Gelehrter 1: Ein Meister aus Deutschland. Aus Franken. Nürnberg, der Meistersingerstadt.

Uta/Reglindis: Kein Fränkisch, das Ihr meint, lag ihm auf der Zunge, mag sein er war Romane. Ein Meister aus dem regnum Francorum.

Emphatisch Gelehrter 1: Aus Frankreich? Ein Franzmann? Ein Franzose, der das Inbild deutscher Kunst schuf?

Uta/Reglindis: Neuerlich verstrickt sich Eure Rede. Frankreich? Was soll das sein? Wer sind Franzosen? Ich sprach von einem Franken aus dem Königreich der Franken.

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Emphatisch Gelehrter 1: Des Rätsels Lösung liegt auf der Hand. Ihr verhörtet Euch. Im Mittelalter war die Verständigung unter Deutschen nicht leicht. Die Idiome der einzelnen Stämme unterschieden sich stark. Noch heute kann ich weder Bajuwaren noch Schwaben oder Moselfranken folgen, wenn sie so ganz und gar in ihrer Mundart aufgehen. Nicht anders war es mit Euch. Das Entscheidende aber begrifft Ihr, der Meister war ein Franke. Ein Deutscher.

Uta/Reglindis: Er kam aus dem Königreich der Franken, das mit dem Gleichnamen Gallien heißt.

Emphatisch Gelehrter 1: Ich träume den entsetzlichsten Traum meines Lebens und gebiete mir aufzuwachen. In Utas Seele prangt der deutsche Adler. Sie ist Hohe Frau, nicht Misthaufen des gallischen Hahns. Kein Franzmann erniedrigt mich zum Hahnrei der eigenen Seele.

Uta/Reglindis: (Boshaft und zugleich sachlich.)Dieser Begeisterte verfängt sich in der Wirrsal seiner eigenen Begriffe. Er wird mir noch irre. Nur weil der Meister wohl gallisch sprach.

Emphatisch Gelehrter 1: Französisch.

Uta/Reglindis: Gallisch.

Emphatisch Gelehrter 1: (Niedergeschlagen.)Gallisch und Französisch verhalten sich zueinander wie Germanisch und Deutsch.

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Uta/Reglindis: (Ihr Wort, ein Dolch.)Des Meister Idiom klang wohllautend.

Emphatisch Gelehrter 1: Hahnenmist. Hühnerkacke.

Uta/Reglindis: Deutsche. Germanen. Gallier. Franzosen. Soll ich nicht doch lieber Polanin sein?

Emphatisch Gelehrter 1: Bildwerke reden augenfällig. Sind stimmlos. Was ich hörte, trog. Ich halluzinierte mit den Ohren.

Uta/Reglindis: Da ich nun einmal Polanin bin.

Emphatisch Gelehrter 1: Das sprach nicht Uta.

Uta/Reglindis: Wer sonst?

Emphatisch Gelehrter 1: Die Versuchung. Die schiere Versuchung. Ich sehe die Polanin grinsen. Den Franzmann höhnen. Paarweise verschworen, mich zu demütigen. Die Fremdvölker schicken mir böse Träume, auf dass ich mein Deutschtum notzüchtige. Die Versuchung ist ein gefährliches Weib. Ohne Sinn für Größe und Tiefe, eine Giftmischerin, die mir verruchte Gedanken in die deutsche Seele träufelt.

Uta/Reglindis: Germanin und Polanin, beide geschaffen von einem Gallier. Oder, wie Ihr sagt: Franzosen.

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Emphatisch Gelehrter 1: Schandbare nur nennen Polen, Franzosen und Deutsche im selben Atemzug. Wer aber Germanen schimpft, wird durch Germanen umkommen.

Uta/Reglindis: Entspannt Euch. Die Gallier waren eben die besseren Bildhauer. Was ich küchenlateinisch verstand, war, dass in des Meisters Land Kathedrale auf Kathedrale aus dem Boden wuchs. In Gallien war daher besser üben und ließ höchste Meisterschaft sich leichter erwerben. Dank des Galliers stehe ich hier. Und Ihr vor mir. Vive la France!

Emphatisch Gelehrter 1: Du bist ein Nachtmahr, ein Albdruck. Drum sei, wer immer du vorgibst. Du bist und bleibst ein Gespenst. Sei Polin. Sei Werk eines Franzmanns. Die wahre Uta bleibt deutsch. Das Werk eines Deutschen. Eines Meisters aus Deutschland. Die Überfrau. Was sage ich? Die Übermenschin. Die Überdeutsche. Und wäre sie es nicht, so behalte sie es für sich.

Uta/Reglindis: Dass ich Polanin bin?

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