Orpheus.Eurydike

Orpheus und Eurydike

Michael Kaminski

Orpheus.Eurydike

Michael Kaminski zeigte sich vom Stoff selbst im burlesken Gewand als Mythentravestie enttäuscht. Der Mangel führte zur Krise. Gegen Kaminskis erklärten Willen verwandelte sich die Götter- und Kunstklamotte in Ernst zurück. Freilich hielt dann und wann – oder beständig – Gott Momos seine Finger im Spiel.

Copyrightvemerk:
Alle Rechte beim Autor. Michael Kaminski 2020.

Bildnachweis:
“Orpheus und Eurydike” von Erich Schickling, Lizenz: CC BY-SA 4.0 Modifizierung: Schwarz-Weiß

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Leseprobe

I, 3

(Theben. Ein Hain.)

Hades: Orpheus und Liebe. Wie verhält es sich damit?

Eurydike: Die Thraker und Griechen des Landes lieben

 

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Orpheus, den Friedebringer. Da, Fremder, haben Sie das Verhältnis.

Hades: Ein Bund, der viel Gedeihen stiftet. Nachrichten

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davon sind in meine ferne Heimat gedrungen, ungenaue muss ich fürchten.

Eurydike: Orpheus singt Verträglichkeit in die Herzen der Bürger. Vor seiner Ankunft litten sie unter Fluch und Zwietracht. Mitwohner ging dem Mitwohner an den Hals. Die Blutschuld türmte sich.

Hades: Auch Euer Herz erfüllt die Kunst des Sängers. Eurydike: Ich bin Thrakerin. Weib des Orpheus.

Hades: Das sagt viel. Meine Frage ist unbeantwortet.

Eurydike: Orpheus gewann dem Land Frieden. Ich liebe ihn. Hades: Auch das beantwortet nicht die Frage.

Eurydike: Wer sagt, Fremder, dass ich sie beantworten muss?

Hades: Das sagt Euer beständiges Ausweichen. Eurydike: Ich schulde Ihnen keine Rechenschaft.

Hades: Doch nahmen Madame Aufenthalt inmitten recht- fertigender Rede. Wenn auch die Worte noch in Nebeln stochern. Erklärt Euch deutlich.

Eurydike: Wer denn sind Sie?

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Hades: Gewiss jemand, der die rechten Fragen stellt.

Eurydike: Wer seid Ihr?

Hades: Jemand, der Eurer Antwort bedarf.

Eurydike: Euer Name, Euer Land!

Hades: Zwingende, Fordernde, du bist Mensch, Gott bin ich. Wissbegierige und selbst nicht Aufrichtige, du wohnst auf der Erde, ich wohne darunter. Da habt Ihr meinen Namen, mein Land.

Eurydike: Hades.

Hades: Ich bins.

Eurydike: Hermes, der Seelengeleiter, erschien mir nicht. Noch haben Sie, Herr, keine Gewalt über mich. Ich schulde auch dem Gott keine Antwort. Für das Erste bewohne ich die Erde, nicht das Reich der Schatten.

Hades: Ich höre harschen Ton im friedfertigen Thrakien. Ich höre die Weigerung sterblichen Abgangs. Ich höre von Tod reden. Sprach ich davon?

Eurydike: Tod ist Amt des Dunklen Fürsten. Was kümmern ihn Lebende?

Hades: Gott, der nie vom olympischen Thron in die Menschen-

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welt stiege, Mensch ohne Blick zum Berg der Götter ver- dienten ihre Namen nicht. Dies meine Antwort. Euch, Madame, frage ich: Reden Lieder und Gesang des Orpheus im gleichen Maß zur Gemahlin wie sie die Bürger sonst rühren?

Eurydike: Lied und Gesang des Orpheus erfüllen die Herzen der Mitbewohnenden, Orpheus erfüllt mein Herz.

Hades: Den Mann liebt Ihr, nicht seine Kunst. Damit ist alles gesagt. Ich danke und nehme Abschied.

Eurydike: Haltung, die Wahrung eigener Bewandtnis, frommt Göttern und Menschen. Halte mir stand, Gott. Denn wie unbedeutend scheint mir dein Fragen angesichts deiner Göttergröße, gering in dem Maß, dass du der Menschenfrau, der jetzt schwer hält, den Gott in dir zu ehren, der Rettung deines Bildes in ihrer Seele halber antworten musst: Was trittst du an das Weib des Orpheus heran?

Hades: Ihr wisst, meine Gemahlin ist Kore. Unter der Bedingung jeden Jahres zwei Dritte Teile währender Schei- dung. Doch fasste mich Verlangen, die fruchtbare Göttin auch in den versagten Dritteln an meiner Seite zu genießen. Zur Ablenkung von diesem Gott und Mensch entsetzlichen und verhassten Wunsch führte Hermes mich nach hier. Thrakien. In diesen Hain. Ich soll den Gesang des Orpheus hören, auf dass meine Leidenschaft nicht in Raserei ende, mein Begehren in Sanftmut wechsle. Ich Kore missen lerne. Das Vorhaben wird scheitern. Orpheus´ Weib, das mir begegnet, spricht allzu deutlich von den Grenzen seiner Tier und Mensch sänftigenden

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Kunst, wie immer Lied und Gesang auch göttlich begabt sind. Auf das Friedestiften unter Thrakern und Griechen versteht sich Orpheus. Auf Eurydike versteht er sich nicht. Was soll mir seine Kunstübung? Sein Scheitern an der Gemahlin gibt mir Gewissheit. Ich werde Kore von der Erde rauben.

Eurydike: Liebe und Sprengung des Erdkreises fallen dem Gott ineins. Da wird er Selbsthelfer. Zeugung und Fruchten bringt er zur Strecke. Die Erde soll faulen und modern. Soll absterben. (Eurydike und Hades tauschen einen langen Blick.)
– Ich bilde mir ein, Staunen malte die Züge der Kore, da der Herr Unterer Welt sie einst um des Brautstandes willen von der Erde raubte. Sie wusste sich geliebt. Wusste um das Unheil, das mit dieser Liebe Menschen und Göttern droht. Liebe und fruchtende Notwendigkeiten gerieten durch Hades kühnes Unternehmen in Widerspruch. Kraft und Mut, die bedenkliche Ehe zu wagen, wuchsen Kore, indem sie der Größe von Hades Neigung inne wurde. Kraft und Mut, die dem Vater der Götter die Einwilligung in den absehbar schwierigen Liebesbund bittend entrangen. Die Liebende rechtfertigte jedes Vertrauen, das der Thronendste der Olympier ihr vorschoss. Sie blieb der Erde fruchtbar. Götter und Menschen blicken auf sie mit Wohlgefallen. Kaum denkbar, wie da Hades zur Störung des von der fruchtbaren Gemahlin dem Erdkreis bewirkten Gleichgewichts das finstere Selbst schändlich hinreißt. Um Brunst und neuerlichen Raubes willen. Denn auch sein Ruhm wird vom Amten Kores befördert. Enthaltsamkeit aus freiem Willen in zwei Dritten Teilen jeden Jahres ziert, weil seine Liebe dem Gedeihen auf Erden diesen hohen Preis aufbrachte, den Herrscher über die Schatten ungemein.

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Hades: Ihr sprecht wahr. Mit größerer Wahrheit als je ein Gott mir vor Augen stellen konnte. Denn Götterrede klingt ungefährdet noch im Angesicht entflammter Welt. Doch kann Eurydike nicht helfen. Ich bin über den gewissen Fleck hinaus, der Umkehr noch erlaubt. Wie die Flut über Dämme hinausschwillt, drängt es den Gatten zum Raub der Gattin.
Das offene Wort seht mir nach, notvoll begehre ich, mit Kore Beilager zu halten.

Eurydike: Gleichgewicht sichert die Erde in Bahnen. Dann seid Ihr kein Gott, wenn Ihr sie nicht darin haltet. Eure Machttaten sind in dem Fall, dass Ihr den Wankelmut dem Bewahren vorzieht, bloßes Zauberstück. Kein Mensch bedarf solcher Götter.

Hades: Seht das dem Dunklen Fürsten und der Thrakerin Gemeine. Entbehren ist Qual der Menschenfrau und Pein des Gottes. Wir beide sind im nämlichen Fall. In jeden Jahres zwei Dritten Teilen fehlt mir Kore, Ihr vermisst an der Kunst des Mannes, den Ihr liebt, dass auch Ihr berückt werdet. Unser Missen und Verlangen gilt den Gatten, die wir, jeder auf seine Weise, in unsagbarem Leid entbehren.

Eurydike: Ich weiß den Mann um seiner selbst willen zu lieben. Seine Kunst entscheidet nicht.

Hades: Mann und Kunst sind unverbunden?

Eurydike: Ergebung in den nur anteiligen Besitz des Geliebten, Duldung seiner der Gemahlin unvollständigen

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Hingabe, nach bescheiden menschlichem Begriff zeigt auch darin sich Liebe.

Hades: Liebe ist Fülle. Götterart ist nicht, unter dem strengen Gebot des Mangels zu seufzen. Einem Gott Entbehren auflegen, greift das Wesen der Gottheit an. Der Vertrag, der Kore mir ehelich zuführte, befiehlt den Mangel. Er war nichtig von Anbeginn.

Eurydike: Alle Welt ist Vertrag. Auch Götter sind ihm unterworfen. Von Mangel kann die Rede nicht sein. Durch Vertrag kam die Kore Euch zu. Ihr schwelgt, Dunkler Gott, das Übereinkommen mit den Olympiern nicht achtend, in schändlichstem Überfluss. Der Gang der Göttin durch die Welt in zwei Dritten Teilen jeden Jahres erhält Eure Ehe immerfort im Reiz des Neuen. Nie werdet Ihr einander satt. Fülle und Erfüllung durch die Zeiten blüht daraus dem Götterpaar.

Hades: Weisheiteleien, geschliffene Worte, die meiner Leidenschaft nicht Einhalt tun.

Eurydike: Sprecht, Ihr wollt der Raserei nicht gebieten. Eure Leidenschaft wucherte über Kore hinaus.

Hades: Ich begehre nichts als die Gegenwart der mir ehelich verbundenen Göttin.

Eurydike: Kore ist bloßer Name für das Unmaß Eures Verlangens. Das sich gegen das Göttliche selbst versteigt. –

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Zerstörung bis du. Das Verhängnis brütet in dir. So also rüttelt der Gott den Erdkreis aus den Angeln.

Hades: Meine Brunst wächst mit den guten Gründen, die Ihr zu meiner Widerlegung aufbietet. Ich halte erstlich fest, meine Leidenschaft übersteigt die Kore. Dann, die Welt gerät aus den Fugen. Ich nehme dies einleuchtende Paar von Gründen beim Wort. Euch nehme ich beim Wort. Ihr werdet mein Selbst von Torheiten abhalten. Ich gebiete: Folge mir!

Eurydike: Die Entgottung des Herrschers im Reich der Schatten schreitet voran. Ihr werdet schier der Mann. Liebe suchen Frauen, Männer die Gelegenheit. Monsieur entbehrt Kore; Monsieur will aus der Fülle leben. Gleichgültig wie sie beschaffen ist, den Namen welchen Weibes sie trägt. Mann bist du, deine Gottheit fühle ich nicht. Weshalb sollte ich dir folgen?

Hades: Ihr begreift mich. Das ist der Grund. Kore ist in zwei Dritten Teilen jeden Jahres in Raum und Zeit mir unerreichbar, der Sänger ist Euch fremd in seiner Kunst. Wir leiden Gleiches. Wir dulden den Mangel. Liebend. Dem Verzweifeln nahe.

Eurydike: Das bedenkend spricht der Gott: „Doppelter Ehebruch ist gefordert. Der Gott hintergehe die Göttin, die irdische Frau den Sänger. Betrug wird göttliches Gebot.“ Wahrlich zeigt der nähere Umgang mit dem Herrscher im Reich der Schatten mir sein ganz und gar zweifelhaftes Wesen. Mit gleicher Gewissheit sage ich: „Orpheus soll entscheiden

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zwischen Thrakien und Gemahlin. Ich drang den Sänger, wir sollen aus dem Land fortgehen. Den Glauben an sein kluges Entscheiden will ich heute festigen und nach etlicher Zeit das erste Mal seine Lieder wieder hören.

Hades: Um die Vergeblichkeit Eures guten Willens wisst Ihr. Ich, der Gott, bin, Frau des Sängers, dein Ausweg; du der meine. Gott und Mensch knüpfen durch uns bewirkt gänzlich neues Band.

Eurydike: Wie der Gott die eigene Leidenschaft mit den geheimen Wünschen der Menschenfrau zu befrieden sucht! Kore ist Euch längst aus dem Auge. Weiber aber – ob Menschenfrau, ob Olympische – wittern den Betrug. Der Göttin werdet Ihr mich kaum erklären können. Ich verfalle ihrem Zorn.

Hades: Frucht bringt der Oberen Welt Kore, die zwei Dritte Teile jeden Jahres dem Gott im Dunklen Fürstentum Entzogene. Blanke Not herrscht im Reich der Schatten. Sie schwinden. Denn die Kraft des Gebieters Unterer Welt nimmt ab. Durch Halbheit. Halb sind Gott und Göttin einander hingegeben in halber Ehe durch unhaltbaren Vertrag. Missen und Begehren schlagen dem Gott Brunst und Flammen aus der halben Sache. Gleich mir kennt Ihr die Hälftung, indem der Sänger sein Werk am Gemeinwesen treu versieht, Ihr darbt.

Eurydike: Kore darf dem anvermählten Gott halb nur trauen, Orpheus halb nur Eurydike? Ich halte dagegen. Ganz gehört der Herrscher der Unteren Welt der Göttin, ganz gehört Eurydike dem Gemahl. Allein daher willige ich in Euren

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Befehl. Liebe entflamme den Orpheus zu unerhörter Tat! Der Urheber göttlichen Gesanges soll das Zeusgeschlecht um Eurydikes willen berücken. Er wird das Unmögliche vollbringen. Schatten werde ich, den Schatten soll er mich entführen. Gemahl gewinnt Gemahlin zurück, Gemahlin den Gemahl. Friedehalten lernt dann das Land aus eigener Kraft. Dunkler Fürst, in dein Reich will ich hinab!

Hades: Du stehst in Blüte. Blühend gehst du hinüber.

Eurydike: Ich will Schmerz ertragen, frage aber, wer die Tote empfängt. Ob, wie bei Sterblichen üblich, Hermes mich ins schattige Reich führt. Hermes! Ein fremdes Gesicht.

Hades: Den Seelengeleiter darf ich nicht ersparen. Bündner tun not unter Göttern und Menschen. Hermes beträgt sich hervorragend. Fürchte ihn nicht.

Eurydike: Wie scheide ich?

Hades: (Mit großer Geste.) Betrachte das friedliche Thrakien.

Eurydike: Meine Ferse! Ein Biss.

Hades: Das war die giftige Viper, die hier unter Steinen lauert.

Eurydike: Die Glieder fühle ich mit bleiernen Röhren ummantelt. Ich kann den allzu beschwerten Leib nicht mehr

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auf den Beinen halten. Lähmung kriecht zum Herzen. Die Lider fallen. Ich will dich fassen. Gott, meine Hand sinkt. Die Sprache versagt.

Hades: Bald langst Du im Reichen der Schatten an. (Eurydike liegt tot. Das Gesicht zur Erde.)

Hermes: (Hermes kommt zurück.) Der Sänger, der dies Land befriedet, ist willens auch dein Herz, Gott, zu rühren.

Hades: Mein Herz ist gerührt, Seelengeleiter. Hermes: Wer ist die Frau?

Hades: Eurydike, das Weib des Sängers. Von der giftigen Viper gerafft.

Hermes: Verderben über Verderben, meine Anstalten durchkreuzt. Der Herr des Olymps, er warnte vor thrakischen Verstrickungen. Ich hielt das eigene Überlegen für klüger. Orpheus sollte deine Gesundung bewirken. Du aber schufst Kore zweifelhaften Ersatz. Das Weib des Sängers. Die Unordnung nimmt kein Ende. Ich fürchte den Zorn des Blitzeschwingers, du schaudere vor seinem Machtwort.

Hades: Mit Bedacht und gutem Grund führtest Du mich nach hier. Wir wollen uns dem Olympischsten und Vater nach jener Weile, die ich zur Ertüchtigung Leibes und der Seele bedarf, schuldig bekennen und voller Einsicht zeigen. Mich wird er bei Kräften sehen, die Schatten fest umrissen. Darf Zeus

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schelten?

Hermes: Das Weib fiel deinem Verlangen und meiner Unvorsicht.

Hades: So stehen wir fest und fester zusammen. Hermes: Ich will jetzt mein Amt versehen. (Hades ab.)

Hermes: Steh‘ auf, Eurydike.

Eurydike: Wahrhaftig, ich schied. Du bist der Seelenführer. Ich muss folgen.

Hermes: Du wirst erhofft bei dem Schwarzen Wasser. An seinem Gestade thront der Dunkle König, dessen Begehren du fielst. Die Karfunkel seiner Augen leuchten voll großen Wartens. Du bist höchst erwünscht.

Eurydike: Das Schwarze Wasser und seine Gestade werden mir Lustort sein. Auferstehen zu Orpheus wird mir von da her.

Hermes: Siehe das nach Belieben. (Hermes mit Eurydike ab.)

Orpheus: (Tritt auf.) Sie ist fort. Sie sprach vom Gehen. Ging. Sie ließ Thrakien. Meinetwillen. Ich muss ihr nach.

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Sie kann nicht weit sein.

Hermes: (Aus der Ferne.) Eurydike kam weit.

Orpheus: Wer spricht?

Hermes: Der Seelengeleiter und göttliche Bote.

Orpheus: Sie ist bei dir.

Hermes: Eurydike geht an meiner Seite.

Orpheus: Ich will den Grund wissen.

Hermes: Gott Hades begehrt dein Weib.

Orpheus: Der, dessen Leidenschaft du mich zu sänftigen batest?

Hermes: Derselbe.

Orpheus: Gott und Tod fielen ins Land. Wo Friede herrschte. Der Friedestifter gedemütigt. Eurydike ihm entführt. Mein Weib wurde Raub eines Gottes.

Hermes: Trost, Sänger, und Einsicht in das Unvermeidliche finde im schön gestimmten Klagelied.

Orpheus: Klage anderer Gattung soll Gott und Mensch im Ohr gellen. Zum Berg der Götter will ich steigen. Ich sehe ihre

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Sitze wanken. Zeus empfinde bei versagtem Gericht und Urteil mit sämtlichem Olympiergezücht das Göttliche meiner Kunst. Ganz und gar. Ich eide, Recht wird. Denn soll der Missbrauch göttlicher Freiheit durch freche Olympier dauern, zer- springen Götterberg und Thronende in meines Singens durchschlagendstem Ton.

II

1

(Olymp. Kabinett.)

Zeus: In Thrakien, meinem geliebten Land, loschen die Opferbrände. Kein Wohlgeruch dringt in meine Nüstern. Wie das?

Hermes: Orpheus, der Sänger, hindert die Mitwohnenden.

Zeus: Der Friedestifter zwistet mit Göttern? Unverständlicher Wandel!

Hermes: Friedestifter kann Orpheus nicht sein, wenn ihm selbst der Friede geraubt wurde.

Zeus: Mit dem Frieden des Sängers geht der Friede des Landes dahin. Ich will den Grund wissen.

Hermes: Euer Auftrag bewirkte den Wandel. Der Sänger verlor sein Weib an den brünstigen Hades.

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Zeus: Dein Werk. Unfehlbar. Ich gebot dir, das Weib des Sängers zu vermeiden. >Eurydike schone!< mahnte ich. Weshalb dann führtest du Hades nach Thrakien! Zahlreich sind die Staaten Griechenlands. Sie hegen schöne Weiber zuhauf.

Hermes: Ich sann auf andere Mittel, indem ich erwog, wie bald Brunst und Brand verfliegen. Bedenkt, Sire, die Dauer Eurer Hingabe an Leda, Europa, Danae; die Gemahlin des Amphytrion. Soll ich dem Herrscher der Unteren Welt täglich Weiber neu zuführen, die Erde der Schönsten berauben? – Der Sänger, überlegte ich, werde im Herzen des Hades dauerhaft Frieden stiften. Es kam anders. Orpheus wurde gehindert, seine Gabe auch an dem Gott zu beweisen.

Zeus: Geschmeidig verteidigst du Ränke, von denen allein Unheil ausgeht.

Hermes: Im Fall des Erfolgs meiner thrakischen Unter- nehmung würden Sire kein Wort über die zugegeben weite Auslegung Eurer Weisung verlieren.

Zeus: Das Scheitern liegt auf der Hand. Der Sänger empört sich. Du handeltest meinem Willen zuwider.

Hermes: Der Herr Thrakiens wird den König im Reich der Schatten vor dem thronendsten der Götter verklagen. Mut, Wut, seine Auffassung von Recht und Billigkeit, die leider durch und durch menschlich beschaffen sind, sehen auf den frechen Räuber seines Weibes ab. Ich gestehe auch, der Sänger ist nicht ungefährlich und empfehle Zugeständnisse.

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Zeus: Gäbchen werden ihm Genugtuung nicht schaffen, er lechtzt nach Urteil, das dem Dunklen Fürsten Schande bringt.

Hermes: Das Gericht ist unvermeidbar. Der Richtspruch darf, sollen Satzungen irgend gelten, dem Herrscher Unterer Welt nicht günstig sein. Sein Rang wird Schaden nehmen. Der unsere nicht minder.

Zeus: Dem Sänger haftet Göttliches an. Das ertüchtigt seine Kräfte.

Hermes: Die Olympier werden sinken.

Zeus: Schuld wälzen und Urteile entgegen nehmen ist nicht Götterart. Mein Spruch soll die olympische Würde wiederherstellen. Jammerspiele sind zu vermeiden. Im Gericht wird sieghaft unser erhabener Stand aufstrahlen. Kein Gott darf Strafe je empfangen, wenn Menschen den gerechten Spruch des Himmels entgegen nehmen. Gelingt das, bleiben wir die eingewohnten Olympier. Fehlen wir, birst unser Thron. Götter, wie immer sie für mancherlei Reibung unter den Menschen sorgen, bedürfen keiner Strafe. Der Götterbote und Seelengeleiter nicht, der Herr im Reich der Schatten nicht. Wir Götter hängen voneinander ab mit unserem ganzen Sein. Die Strafbarkeit der einzelnen Gottheit träfe gänzlich die Versammlung der Götter. Irdischem Vergelten müssen wir enthoben sein. Mein Bescheid für den Sänger wird auf dieser Einsicht fußen. Götterbote, Seelengeleiter, dir – wie dem Fürsten im Reich der Schatten – schärfe ich die für das Gericht erforderte Würde ein.

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Hermes: Sire, Sie sitzen dem Rat der Götter zu olympisch höchstem Gedeihen vor.

Zeus: Notwendig geschieht das. Ich will bleiben, der ich bin. Und bin kein Freund des Untergangs.

2

(Untere Welt.)

Hades: Wie befindet sich Eurydike?

Eurydike: Ich wurde von der Erde genommen. Danach ist mein Befinden.

Hades: Sprich Deine Wünsche aus.

Eurydike: Orpheus soll die Gemahlin an den Tag führen.

Hades: Das steht mir nicht in Macht und Willen. Von hier ist keine Wiederkehr.

Eurydike: Halte ich Beilager mit Euch, bildet sich mir Orpheus ein.

Hades: Erwartbar. Aus dem Beilager mit Eurydike taucht mir Kore auf. Ihr, ich, Mangelwesen taten sich zusammen. Wir entbehren. Noch im Betrug.

Eurydike: Wir betrogen. Die ehelich Getrauten. Einander. Uns

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selbst.

Hades: Meerblick der Unteren Welt. Rubin, Smaragd, Topaz funkeln auf in dunklen Wassern. Kaum spürbar der Wellen- schlag. An mildem Strand ragen einzeln, in Paaren wie in anderer Weise mannigfach versammelt, graue Schatten. Purpur wölbt den Himmel. Mein Reich. Wohnen in der Götterburg und auf Erden hat Reize, ich ziehe die Untere Welt vor.

Eurydike: Der Anblick weckt keine Furcht.

Hades: An diesem Ort kommt jede Furcht zu Ende.

Eurydike: Ich fasse Euer wundersames Reich in das Auge. Die Bilder von See, Schatten und Purpurhimmel rühren. Der Fleck ist aussichtsvoll wie keiner. Hier erwarte ich den Orpheus.

Hades: Ich will dich nicht hindern. (Hades ab. Eurydike steht da.)

3

(Olymp. Gipfel.)

Stimmen der Götter: Vater der Götter! Ruhm des Zeusgeschlechts! Die Throne Olymps, dir sind sie befohlen. Den Sänger weise in Schranken. Rate mit Deinem erhabenen Selbst. Sinne auf Wohlfahrt der Götter.

Orpheus: (Tritt auf.) Ich klage wider Hades. Die Götter sollen mein Fordern gerecht nennen und mir zur Hand geben,

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was der Herr über die Schatten nahm. Mein Weib.

Zeus: So redet, wer selbst des Göttlichen teilhaft ist. Wie eben Ihr, Exzellenz, Orpheus, der Sänger, Herr über Thrakien.

Orpheus: Sire, Ihr wisst, ich sang Frieden. Ich kann anders.

Zeus: Thraker und Griechen danken Euch das Ende langen Streitens, des Mordens, Bruderzwists, Frevels.

Orpheus: Hades danke ich Eurydike bei den Schatten. Er raffte die Beute, während Hermes, der Gott ärgster Schiebereien, – ob aus redlichem Wunsch oder List mag ich nicht entscheiden – meinen Rat erbat. Und so meine Hilfe von dem mir getrauten Weib abhielt.

Zeus: Keinen Zweifel leidet, der Gott Unterer Welt suchte Heilung im Gesang des Friedestifters. Nur kam, Exzellenz, Eure Frau des Weges. Was der Dunkle Fürst entbehrte, das war dies eine, die Gemahlin. Brunst und Verhängnis, der un- glückliche Augenblick, strichen sein Weib mit dem Euren in eines. Eurydike ist schön und war greifbar. Ich will, Ihr sollt ihn verstehen, als Mann.

Orpheus: Dieser Mann ist ein Gott. Der größere Maßstab gebietet die Klage. Den bloßen Bock schlüge ich tot.

Zeus: Was fordert der Sänger mit der göttlichen Stimme?

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Orpheus: Freies Geleit für Eurydike aus dem Reich der Schatten.

Zeus: Nie kehrte ein Mensch von dort zurück.

Orpheus: Eurydike wird das beginnen.

Zeus: Kühnes Fordern.

Orpheus: Mochte der Dunkle Fürst sich vorsehen, wem er die Frau raubt.

Zeus: Von Götterdingen rede Euer Gesang, nicht von allzumenschlicher Beschwerde.

Orpheus: Herauf denn zur Erde mit Eurydike!

Zeus: Denkt immer, Ihr sprecht mit Göttern. Dann wird Euch Recht wie von selbst.

Orpheus: Chronos und Raia, Uranos und Gaia waren Götter. Ihr, die nun Thronenden, im Wartestand. Göttlich begabt. Kein Göttergeschlecht. Erst musstet ihr Giganten stürzen.
– Liebe und Wut steigern die Götterkraft meines Singens in die Sprengung von Steinen, Göttern, Menschen, allem Geschöpf.

Zeus: Keine Drohung bringt Eurydike zurück.

Hermes: Guten Willen beweist der Vater der Götter und

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Menschen, indem er sich Eurer Sache annimmt. Guten Willen und schuldige Achtung zeigt Ihr, Exzellenz, indem Ihr das Wiederentzünden der thrakischen Opferbrände gebieten werdet. Denn, wo der Gott nicht geehrt wird, da steht kein Götterspruch zu erwarten. Eilt! Ehe wir fortfahren, befehlt gottgefälliges Schlachten.

Orpheus: Mein guter Wille zu Friede und neuem Vertrag soll außer Zweifel stehen. Ich gebiete die Wiederentzündung der Opferbrände. (Wendet sich auf gemessene Zeit mit monumentaler Geste und trotziger Miene der Erde zu.)

Zeus: Wir merken doch sehr den Vorbehalt. In Eurem Befehl liegt ein geheimes Widerstreben.

Orpheus: Erdkreis und Welt, alles vom Nichts in das Sein Gegangene; Götter, Menschen, tote wie belebte Dinge stehen unter Vorbehalt. Nicht Gott, nicht Mensch, nicht belebtes Ding noch unbelebtes darf Sein in Gänze heißen.

Zeus: Götterstürze reißen auch die Menschheit – reißen Eurydike – ins heillos Unwägbare.

Orpheus: Ich bin daher kein Freund besiegter Götter.

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