Vorhang auf für die Zeit nach Kohle und Stahl

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Die Theaterarchitektur der einstigen Bergbaustädte Liège (Lüttich) und Gelsenkirchen spiegelt konkrete Utopien.

Das belgische Liège  und das deutsche Gelsenkirchen waren von Kohle und Stahl geprägt. Die Opernhäuser beider Städte überdauerten die tiefe Strukturkrise nach Schließung der Zechen und Stilllegung der Hochöfen nicht nur. Die Identität vor Ort wesentlich mitbestimmend, zeigen sie sich trotz der ökonomischen Verwerfungen seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts erstaunlich präsent und offen für Kommendes.

Die daher als Titelbilder in der Slideshow dieses Blogs als Hommage an die beiden mutigen Institute abgebildeten  Zuschauersäle des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier und  der Opéra Royal de Wallonie in Liège stehen für Lösungen festlich komfortabler Theaterauditorien, in denen Großzügigkeit waltet und die zugleich Intimität stiften.

Musiktheater im Revier
Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen (Credit: Anna-Lea Knubben)

Das Musiktheater im Revier wurde am 15. Dezember 1959 eingeweiht. Damals stand Gelsenkirchen im besten Flor. Das wollte die Stadt zeigen. Die Kumpel unter Tage und die Stahlarbeiter an den Hochöfen verdienten gutes Geld. Dennoch sollten ihre Kinder weniger hart malochen müssen. Aufstieg durch Bildung hieß die Devise. Arbeiterkinder diffundierten zunehmend in die höheren Lehranstalten.  Die von Schelsky  einige Jahre zuvor prognostizierte >nivellierte Mittelstandsgesellschaft< befand sich in Reichweite. Diesen Geist konkreter Utopie drückt die Architektur Werner Ruhnaus für das Musiktheaters im Revier aus. Die Wände des Zuschauersaals sind schwarz wie Kohle. Die Grundrissdisposition bleibt daher ungewiss. So geraten denn die beiden silberfarbenen Ränge ins Schweben. Es ist diese Leichtigkeit des Seins, welche die oft im Schweiß des Angesichts ihr Tagwerk verrichtenden Besucher umfängt und für das Geschehen auf der Bühne öffnet.

Opéra Royal de Wallonie
Credit: Opéra Royal de Wallonie, Liège

Der Zuschauerraum der im November 1820 – also vor im kommenden Herbst 200 Jahren – eröffneten Opéra Royal de Wallonie im belgischen Liège (Lüttich) stammt aus den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Kohle und Stahl ließen die wegen der Feuer in ihren Hochöfen Cité ardente genannte wallonische Metropole seit dem Mittelalter prosperieren. Bergbau und Schwerindustrie garantierten noch manches Jahrzehnt nach Einweihung des Liégoiser Opernauditoriums Reichtum. Die über tausend Plätze füllten nicht allein Kohle- und Stahlbarone, es bedurfte einer zahlreichen bürgerlichen Mittelschicht. Und auf der >Olymp< genannten Galerie sonnte sich selbst Proletarier in ungewohntem Glanz wie sonst nur in der Kirche. Freilich blieb der Klassengegensatz unüberbrückbar. Immerhin aber blicken von Emile Berchmans 1903 entstandenem Deckengemälde Rossini, Gounod und Wagner friedlich vereint auf die Bühne und stiften in wechselseitiger Wertschätzung mindestens dort eine das Nationale übergreifende Utopie, eine Internationale der Kunst.

Die wallonische Metropole arbeitet sich tapfer aus der Strukturkrise heraus. Spektakuläre Neubauten wie der Hauptbahnhof des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava legen davon Zeugnis ab. Kaum minder die Grundsanierung und kühne Aufstockung der Königlich Wallonischen Oper durch einen skulpturalen mit Lamellen verkleideten Block aus Glas, Stahl und Beton für den Bühnenturm, Werkstätten, Proberäume und Büros. In Unternehmen wie diesen bekunden sich ein Optimismus und jene Zukunftszugewandtheit, die nicht minder der Stadt im Ruhrrevier zu wünschen ist.  Deren Musiktheater im Revier ist einer der Vorreiter.

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