Schwarzer Stoff als rotes Tuch

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Opernhaus Florenz
Neues Opernhaus in Florenz – Foto: Michael Kaminski

Gegen die Trauerbeflaggung von Bühnenbildern

Während meines Studiums saß ich in der Frankfurter Oper neben dem Intendanten eines mittleren deutschen Hauses. Meine Mutter und dessen Frau empfanden gegeneinander herzliche Abneigung. Da er aber allein gekommen war, ließ sich des gemeinsamen Bekanntenkreises und der zivilen Umgangsformen halber eine kleine Unterhaltung nicht vermeiden. Sie verlief angenehmer als erwartet. Wie regte sich aber der Mann auf, als der rote Hauptvorhang ein wenig durchhing und die Versuche der Straffung dazu führten, dass der Lappen sich um einige Zentimeter hob und darunter einen schmalen Lichtstreifen freigab. Der eben noch zivil konversierende Theaterleiter geriet schier aus der Fassung. Mir schien die Sache eine Kleinigkeit. Nicht der Rede wert und der Intendant eine hypersensible Künstlernatur. Hätte ich mich damals nur an die eigene Nase gefasst, würde ich bemerkt haben, dass es um mich, was vergleichbare Empfindlichkeiten anlangt, keinesfalls besser bestellt war. Und ist.

Vor einigen Tagen erfuhr ich das aufs neue. In Florenz. Seit 2014 besitzt die toskanische Metropole ein am Rand der Altstadt errichtetes neues Opernhaus, dessen architektonische Verdienst sich mit dem der ikonisch gewordenen Renaissancebaukunst der Stadt messen darf. Der 1800 Besucher fassende Saal deutet das klassische Hufeisen seines Grundrisses durch die kühne Kurvatur des beinahe direkt vom Parkett wie schwerelos aufsteigenden Ranges völlig neu. Die Sessel sind bequem wie sonst kaum irgendwo auf der Welt. Das Portal ist breit, die Bühne weiträumig. Die jüngste Produktion von Franco Alfanos veristischer Oper >Risurrezione< nach Tolstojs >Auferstehung< wirkte darauf arg verloren. Die schwarzen Vorhänge, mit denen die Szene seitlich abgehängt war, erdrückten das Bühnenbild ebenso, wie ein allzu mächtiger Goldrahmen die fragilen Gestalten eines zartfarbenen Gemäldes optisch zerquetschen würde. Diese Schals oder Schenkel genannten Stoffbahnen, die von den Theaterfotografen selbstredend nicht ins Visier genommen werden, stören mich seit früher Jugend.

Mag sein, damals beklagte ich den Eingriff in die Bühnenillusion, der mich daran erinnerte, dass der Zauberwald eben kein tatsächlicher war. Im Verein damit beschworen die schwarzen Schals zusätzlich den Eindruck von Sparmaßnahmen herauf, denen die Seitenwände für den Thronsaal des Königspalastes zum Opfer gefallen waren. Später wandelte sich der Grund für meine Abneigung. Längst ließ mich der Illusionismus kalt. Zum Beweis dient mir Verdis >Macbeth< in der unvergesslichen Regie von Ian Judge bei den Wiesbadener Maifestspielen mit der für die Lady wie geschaffenen von der Queen zur >Dame< geadelten Josephine Barstow. Das die Schauplätze mit nur wenigen Versatzstücken andeutende Bühnenbild ermöglichte faszinierende Blicke in den Bühnenturm mit seinen Galerien und der Obermaschinerie, auf deren scheinwerferbestückten zuweilen bis knapp über den Bühnenboden herabgefahrenen Zugstangen das optische Hauptaugenmerk lag.  Wer es geschaffen hat, daran erinnere ich mich nicht mehr und nachzuschlagen fiele schwer, da das Programmheft verloren ging.

Seither jedenfalls blicke ich, falls die Produktion damit überzeugt, unirritiert  selbst auf die kahlen Brandmauern des Bühnenturms. Fortgesetzt aber stoße ich mich an schwarzen Seitenschals als immerdar überflüssiger Zutat. Dass mir die Trauerbeflaggung Ende des vergangenen Jahres in der Scala bei der >Ägyptischen Helena< und zusätzlich zu Beginn dieses Jahres im Florentiner Teatro del Maggio Musicale vor Augen kam, verdross mich durchaus. Sprengt die Opernhäuser nicht in die Luft, aber reißt endlich diese schwarzen Fetzen herunter!

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