Machtgeschützte Urbanität

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Theater, Kathedralen und Weihnachtsmärkte unter dem Schutz der Waffen

Vor kurzem war ich in der Mailänder Scala. Mit unnachahmlicher Lässigkeit, doch im Gesamteindruck dienstlich, standen fünf Carabinieri in lockerer Konversation davor. Als ich das Haus nach mehr als drei Stunden verließ, schien sich nichts am Bild geändert zu haben. Ich war versucht, an eine hyperrealistische Skulpturengruppe zu denken. Die Kontrollen vor dem Mailänder Dom sind ungleich schärfer. Der personalintensive Wachdienst scannt die Besucher. Die Sicherheitsleute tragen Pistolen. Ich bin nicht versucht, einen Musentempel mit einem Gotteshaus zu verwechseln und die Kunstreligion des >Parsifal< nehme ich nur für die Dauer der Aufführung bei Wort und Ton. Eben das nötigte mich zu der Frage, ob die Einlasskontrollen vor der drittgrößten Kirche der Christenheit nicht zu weit gehen. Schon, dass gewöhnliche Besucher des Gottesdienstes zur Verleihung des Aachener Karlspreises die Pässe vorzeigen müssen, stößt mir auf. Die Güterabwägung zwischen Sicherheitsbelangen und dem ungehinderten Besuch eines Gotteshauses berührt das religiöse wie zivilisatorische Selbstverständnis. Denn so begreiflich es ist, Orte, an denen sich viele hunderte oder gar tausende Besucher friedlich und ohne Waffen versammeln, angesichts der terroristischen Bedrohungslage zu sichern, so unzweifelhaft müssten – wenn keine akute Anschlagsgefahr vorliegt – Stätten religiöser Verehrung von bewaffneten Zugangskontrollen befreit sein. Rede keiner von fehlender Frömmigkeit und allein touristischer Neugier. Denn wie immer dem sei, Waffen und Religion gehören niemals zueinander. Dass aber Theaterbesucher hinsichtlich mitgeführter Messer, Schießprügel, und Sprengstoff gescannt werden, geht an. Mehr jedenfalls, als künstlerisch in die Knie zu sinken und die Produktionen selbst etwelchem Dräuen zu unterwerfen. Wenn ich im benachbarten Ausland unterwegs bin, nehme ich wahr, wie anders als die Deutschen sich etwa Italiener und Franzosen die wehrhafte Demokratie vorstellen. Tarnanzüge und Maschinenpistolen sind in Innenstädten, auf Bahnhöfen und in Flughäfen die Regel. Die Besucher des Strasbourger Weihnachtsmarktes stören sich nicht daran. Wer einwendet, eben der Anschlag auf die Besucher der >Capitale de Noél< vor einem Jahr beweise die Wirkungslosigkeit von Polizei- und Militärpatrouillen durch die Innenstädte, liegt richtig, wenn der Täter – wie das in Strasbourg der Fall war – dort geboren wurde und mit Unterschlupfmöglichkeiten in der verwinkelten Altstadt von Jugend an vertraut ist. Ich war während des Anschlags in der Stadt und habe meine Erlebnisse geschildert (ORPHEUS 2/19). Völlige Sicherheit kann niemand gewährleisten. Wer sie verspricht, ficht die Demokratie an und ist auf den totalitären Staat aus. Wo aber dem bewaffneten Sicherheitsapparat Grenzen setzen? Zwei Kriterien immerhin gewann ich. Zunächst: Waffen haben bei der regulären Einlasskontrolle an Kirchenportalen nichts verloren. Nirgendwo. Sodann: Militärstreifen ergeben Sinn in Italien und Frankreich, in deutschen Innenstädten verbieten sie sich aus historischen Gründen. Freiheit und Sicherheit gegeneinander abzuwägen, fordert ganz außerordentliches politisches Taktgefühl. Notwendig aber ist das von Land zu Land unterschiedlich beschaffen. Übereinstimmungen inbegriffen.

Meine Besprechung der >Ägyptischen Helena< in der Mailänder Scala ist in ORPHEUS 1/20 erschienen.

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