Herren

Share on email
Share on whatsapp
Share on facebook
Share on twitter

Eine aussterbende Spezies

Stefano Mazzonis di Pralafera
Stefano Mazzonis di Pralafera +
© (Copyright): Opéra Royal de Wallonie – Liège

Im Gedenken an Stefano Mazzonis di Pralafera

Dass erwachsenen Männern zwar die Anrede „Herr“ zukommt, sie aber nicht unbedingt mit den zutreffenden Persönlichkeitsmerkmalen ausgestattet sein müssen, gebieten die gesellschaftlichen Umgangsformen. Immerhin bleibt die Demokratisierung der Anrede festzustellen, galt doch einst noch der verkommenste feudale Taugenichts zugleich auch als „Herr“. Wie wenig das Prädikat mit einer außerordentlichen sozialen Position oder sonderlichem Vermögen zusammenhängt, kam mir zu Bewusstsein, als ich – ein damals junger Mann – einen Musiker aus dem heutigen Tschechien kennenlernte. Dieser hatte Philosophie studieren wollen, wurde aber vom sozialistischen Regime dazu nicht zugelassen, weil er als Waise im Haushalt seines Onkels, eines katholischen Pfarrers, aufgewachsen war. Lediglich das vermeintlich unpolitische Instrumentalstudium wurde ihm gestattet. Auf meine Frage, ob er die Mitglieder der Gesinnungskommission, die ihn verhört und seinen Lebensentwurf zerstört hatten, nicht gehasst habe, antwortete er: „Manchmal war ich dazu versucht. Doch, wenn Sie zu hassen beginnen, dann haben Sie verloren.“  Nicht zu hassen war eine Grundeigenschaft dieses ebenso hoch aufgeschossenen wie umfassend gebildeten und soigniert auftretenden „Herrn“, sie ist ein Wesensmerkmal der Spezies überhaupt, ob sie nun deutsch, französisch „Monsieur“ oder italienisch  „Signore“  benannt wird. So bin ich denn bei Stefano Mazzonis di Pralafera angelangt. Der Intendant der Liégoiser Opéra Royal de Wallonie und Ehrenbürger der Maasmetropole erlag Anfang Februar im Alter von 71 Jahren einem Krebsleiden. Mazzonis di Pralafera war unzweifelhaft ein „Herr“. Dank der damit verbundenen Qualitäten gelang es ihm, die Lütticher Oper zu einer Belcantohochburg auszubauen, deren Ruf durch Übertragungen unter anderem ins französische Fernsehen weit über die Grenzen der Wallonie und Belgiens ausstrahlte.  Mazzonis di Pralafera schuf  an der Maas eine sehr spezielle – aus Weltläufigkeit und Bodenständigkeit gemischte – Atmosphäre, durch die sich viel internationale Sänger- und Dirigentenprominenz zu Auftritten im Herzen der Wallonie bewogen fühlte und immer wieder dorthin zurückkehrte. Den Liégoiser Intendanten zeichnete umfassende Bildung aus.  Bildung, begriffen als die entschiedene Formung der eigenen Persönlichkeit. Freilich ohne jeden Zwang. Freies Betragen, Gelassenheit und der Sinn für das der jeweiligen Situation Angemessene zählen zu den Grundeigenschaften des „Herrn“. Seine Freundlichkeit und Zugewandtheit sind echt. Sie erwachsen aus dem Wohlmeinen gegenüber Welt und Menschen eingedenk ihrer Schwächen, freilich ohne die Fehler zu billigen oder mindestens nonchalant zu übersehen. Stefano Mazzonis di Pralafera bewies solche Qualitäten. Wie auch jene, sich niemals herablassend zu geben und weder die eigene gesellschaftliche Position zu betonen noch Autoritäten ungebührlich zu schmeicheln. „Herren“ sehen im Gegenüber zunächst den Menschen, dann erst dessen gesellschaftlichen Ort. Diese Unvoreingenommenheit ließ Stefano Mazzonis di Pralafera immer sein Publikum im Auge halten, vor allem die an keinen Bildungskanon mehr gebundenen jungen Leute. Ihnen mussten die für sie unbekannten Werke auf der Bühne erst einmal plausibel erzählt werden. Sie nahmen das Angebot an. Inzwischen zeigt sich das Publikum der Königlich Wallonischen Oper erheblich verjüngt. Mazzonis di Pralafera war auch vom Auftreten her eine Erscheinung. Stil und Eleganz begreift, wer „Herr“ ist, nicht als Modediktat, sie gelten ihm als überzeitlich, ja geradezu als Humanum.  Nicht zuletzt zeigt das Dialogische den „Herrn“ im ureigensten Element. Sein Konversationston ist präzise und warm grundiert, eine weitere am Liégoiser Intendanten trefflich zu beobachtende Eigenschaft. Mit ihm verschied der ausgezeichnete Vertreter einer – wie ich bedaure – ohnehin ablebenden Spezies.  Der „Herr“ ist Produkt des bürgerlichen Zeitalters. Mag sein, wie die „Dame“, dessen Nobilitierung. Doch befindet sich das bürgerliche Äon auf der Schwundstufe, für den Fortbestand des „Herrn“ fehlen daher die Voraussetzungen. Traurig, aber wahr.

Meinen Nachruf auf Stefano Mazzonis di Pralafera können Sie hier lesen: https://www.theaterpur.net/persoenlich/2021/02/13/verwaister-belcanto-tempel/

musik-theater-buch.de/feed

Newsletter abonnieren

Möchten Sie informiert werden, sobald neue Beiträge veröffentlicht werden?

Letzte Beiträge

Kategorien
Hermann-Cover

Preis: 12,99 €

Herr Fritz Cover

Preis: 14,99 €

Jüngste Veröffentlichungen

Theater:pur

Der Ausnahme-Tenor Mario Brell ist tot. Mein Nachruf erinnert an persönliche Begegnungen mit dem europaweiten Lohengrin.

ORPHEUS

Für die Juli/August-Ausgabe des ORPHEUS habe ich "Rheingold" an der Deutschen Oper Berlin, die Uraufführung von Marc-André Dalbavies "Le Soulier de satin" in Paris und die deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins "Macbeth Underworld" in Saarbrücken besprochen.

OPERNWELT

Lesen Sie meine Besprechung von "Tosca" in Brüssel für die OPERNWELT.

Newsletter abonnieren

Möchten Sie informiert werden, sobald neue Beiträge veröffentlicht werden?