Demokratie statt Massenmanipulation

Bild rechts von Bundesarchiv, Bild 183-B06275 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Paul Hindemiths Oper „Neues vom Tage“ – Schluss

Der Einzug von Elementen der Massenkultur und Unterhaltungsindustrie in die Oper hatte sich in der ersten Zusammenarbeit Hindemiths und Schiffers angekündigt.  Ihre 1927 in Baden-Baden uraufgeführte Kurzoper „Hin und zurück“ bewegte sich auf eine musiktheatralische Gestalt zu, in der die überkommene Operndramaturgie und deren Ausdrucksformen in Arien und Ensembles ironisiert, parodiert und persifliert wurden. Überdies hielt zeitgenössische Unterhaltungsmusik Einzug in die Partitur. Kein Wunder, der Komponist – seit 1927 Inhaber eines Lehrstuhls an der Berliner Hochschule für Musik – zeigte sich von den Amüsements der Massen fasziniert. Hindemith war eifriger Kinogänger, besuchte gemeinsam mit seiner Frau Fußballspiele und begeisterte sich als Zuschauer für die damalige Modesportart Boxen. Zum Revuepublikum zählte er ohnehin.

Offenbar nahm der Komponist die Massentauglichkeit der Unterhaltungsindustrie seiner Zeit zwar in ihrer Flachheit und mitunter Nähe zum Kaufhausramsch wahr, sah aber mindestens ebenso sehr die Option auf eine Demokratisierung jener Hochkultur, der die Zuführung von Promenadenmischungen aus den Kabaretts und Revuetheatern zu frischer Vitalität half.  „Neues vom Tage“ trug abendfüllend und entscheidend dazu bei.

Kein anderer Grund ließ sich Goebbels in seiner Sportpalast-Rede vom siebten Dezember 1934 über das Werk ereifern.  Seine Ausführungen zu Kompositionstechnik sind inkompetent, die vorgeschützte sittliche Entrüstung bloßes Mittel zum bösen Zweck. Das aber erkannte er Erzhetzer richtig: Hindemith zielte auf die Demokratisierung der Kunst, hingegen Goebbels mit seiner braunen Bande auf Manipulation der Massen.

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