Biblischer Caféhausliterat

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Café Sperl, Wien
Café Sperl, Wien

Kohelet

Jüngst empfahl ich jemand für dessen gegenwärtige Lebenssituation das Buch Kohelet, eine kleine Schrift des für Christen Alten Testaments, entstanden wohl im dritten vorchristlichen Jahrhundert und ohne die Berührung mit der zeitgleichen hellenistischen Philosophie, sonderlich Epikurs, kaum denkbar. Kohelet sinniert in Gestalt einer sich in einem Spannungsbogen zum Ganzen fügenden Sammlung von Sprichwörtern, Sprüchen und Gedichten über Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz. Weder dürfen der Gerechte noch der Weise Lohn erhoffen, noch der Erblasser von der Beständigkeit seiner Hinterlassenschaft ausgehen. Gerechtigkeit, Weisheit, Wohlhabenheit sind schätzbare Güter, ihr Genuss ist erlaubt, im Letzten aber sind sie bloßer „Windhauch“, vergänglich und bald vergessen.

Kohelet schreibt in einer Umbruchssituation. Das Ptolemaierreich der nun griechischstämmigen Pharaonen Ägyptens hält das Gebiet des heutigen Israel im Griff. Die neuen Herrscher exportieren Untertanengeist und weit ausgreifende Geldgeschäfte. Für Kohelet und die Klügeren seiner Zeitgenossen wird die überkommene Weisheitsliteratur von Grund auf fragwürdig. Deren Empfehlungen, die darauf fußen, dass Menschen mit dem Äquivalent ihrer Taten vergolten wird, erweisen sich – spätestens jetzt – allzu häufig als Trugschlüsse, eben weil die nun Mächtigen nicht nach den gewohnten Regeln spielen.

Darob zu verzweifeln liegt Kohelet fern. Er nimmt die neue Situation mit milde resignierter Heiterkeit und geistreichen Bonmots an, wissend, dass auch die gegenwärtige Lage nicht von Dauer sein wird und sich in ihrem Ewigkeitsanspruch schon jetzt der Lächerlichkeit preisgibt.

Ich wage den krassen Anachronismus, um mir Kohelet als Caféhausliteraten vorzustellen. Ob in Jerusalem oder Mitglied der jüdischen Gemeinde in Alexandria, bleibt sich gleich. Das Stimmengewirr der Kaffeehausbesucher umschwirrt und inspiriert ihn. Mag sein, auch der liebe Gott lässt sich in der Geräuschkulisse vernehmen.

Die beiden kurzen von späterer Hand hinzugesetzten Nachworte zeigen, als wie subversiv Kohelet in seiner Zeit begriffen wurde. Einen Platz im Kanon der Schriften des Alten Testaments durfte er nur deshalb finden, weil ihn diese Epiloge regelrecht in die gängige Weisheitsliteratur des Alten Testaments hineinzwingen möchten.

Vergeblich. Jenseits solcher Versuche ihn für die Konvention zu bändigen, führt der verschmitzt blinzelnde biblische Literat Lesende ins Offene, Weite und Freie. Dorthin, wo sich Neues getrost erwarten und finden lässt.

Bild von Gryffindor - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
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