Bautzen (Budysǐn), Fortsetzung

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Hartmannsches Haus (1724)
Hartmannsches Haus (1724)

Bild von Hans Peter Schaefer, http://www.reserv-a-rt.deEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Geographisch durch ihre Lage am Übergang vom Bergland ins fruchtbare Lössgefilde begünstigt, historisch durch die Funktion als Hauptstadt der Oberlausitz und die aus Frankfurt a. M. über Leipzig kommende, nach Breslau führende Via Regia ausgezeichnet, profitierte die Stadt gleichermaßen von der hier ansässigen Administration der Markgrafschaft wie vom Fernhandel. Stadt und Region prägte vom hohen Mittelalter bis in die frühe Neuzeit die Stellung als böhmisches Nebenland. Unter Ottokar I., dem Monarchen, der aus dem Herzogtum Böhmen das Erbkönigreich erstehen ließ, erlangte Bautzen 1213 Stadtrechte. Seit seiner Gründung im Jahr 1346 zählte die aufstrebende Kommune zum Oberlausitzer Sechsstädtebund. Die dem Landfrieden dienende und sich im politischen Gefüge der Markgrafschaft zunehmend Geltung verschaffende Allianz bezog ihr Hauptquartier im Bautzener Rathaus. 1429 und 1431 scheiterten Belagerungen durch die Hussiten. Schon zuvor war die auf einem Felssporn über der Stadt gelegene Ortenburg als Sitz des landesherrlichen Vogts stark befestigt worden. Zwischen 1469 und 1490 fiel die Markgrafschaft samt Hauptstadt an den ungarischen Monarchen und böhmischen Gegenkönig Matthias Corvinus.

Matthiasturm

Bild von Stephan M. Höhne – own picture, Sony DSC-R1, CC BY-SA 3.0, Link

 Wie in Schlesien so in der Oberlausitz, vermochte er sich lediglich in den böhmischen Nebenlanden festzusetzen. Auf der Ortenburg zeugt davon der Matthiasturm, über dessen stadtseitiger Tordurchfahrt Corvinus ein ebenso monumentales wie bildhauerisch belangvolles Sandsteinrelief anbringen ließ, auf dem – gerahmt von den Wappen seiner Länder – der in trefflich spätgotischer Manier konterfeite Monarch thront. Mit dem >Oberlausitzer Pönfall< traf Bautzen 1547 König Ferdinands I. Verdikt über die in der Bevölkerungsmehrheit protestantisch gesonnenen Kommunen des Städtebundes als Vergeltung der Säumigkeit im Kampf gegen die protestantischen Glaubensbrüder während des Schmalkaldischen Kriegs. Für einige Jahre verlor Bautzen sämtliche städtischen Vorrechte. Der >Traditionsrezess< -Anhang des Prager Friedensvertrags von 1635 – ließ Bautzen wie die gesamte Oberlausitz an Kursachsen übergehen. Seit dem großen Stadtbrand von 1709 tragen die Fassaden zahlreicher stattlicher im kraftvollen Schwung des Sächsischen Barock gehaltener Bürgerhäuser zur Ansehnlichkeit des historischen Ortskerns wesentlich bei.

Dom St. Petri

Auf der Altstadt höchstem Fleck lagert breit und mit dem Chor augenfällig aus der Flucht knickend ein Gotteshaus, das wie kaum ein anderes von konfessioneller Spaltung ebenso wie ökumenischem Geist kündet.

Bild von Jörg BlobeltEigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Die Achsabweichung wird am plausibelsten mit der Bebauungssituation zur Entstehungszeit erklärt. Die Vorgängerkirche datiert aus der Zeit um 1000. Anfang des 13. Jahrhunderts, in den Jahren um die Verleihung der Stadtrechte, erfolgte die Promotion zum Kollegiatstift. Das heutige Gotteshaus nahm um 1430 als dreischiffige Halle Gestalt an. Kenntlich an des Kirche zweitem Knick, mit dem das Dach im Süden an den Kernbau anstückt, folgte in den 1460er Jahren das St. Petri zum Fleischmarkt hin abschließende vierte Schiff. Das Innere des Bautzener Doms gewinnt ganz im Gegensatz zur äußeren Behäbigkeit durch Lichtfülle und Leichtigkeit. Grazile Achteckpfeiler, wie sie die späte Gotik aus der Architektur der Bettelorden gern übernahm, tragen schwerelos anmutende Netz-, im jüngeren südlichen Seitenschiff Sterngewölbe. Schiedlich und seit geraumen Jahren friedlich feiern Katholiken wie Protestanten in St. Petri Gottesdienst.

Bild von Jerzy StrzeleckiEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Mit dem Bautzener Dom begegnet die älteste deutsche Simultankirche. Seit 1524 betet, wer sich der römischen Kirche anbefiehlt, auf dem Chor. Evangelische feiern im Schiff Gottesdienst. Mauergleich trennte einst der längst abgetragene Lettner die Konfessionen. Für den Protestantismus bezeichnend, wurden kurz vor Mitte der 1670er Jahre Emporen samt Fürstenloge ins Schiff eingezogen. Auf katholischem Terrain verschaffte sich der 1713 im Chorhaupt aufgestellte Hochaltar Geltung. Dessen beide Gemälde, von denen das zentrale zeigt, wie Jesus des Himmelreichs Schlüssel an Petrus übergibt, schuf Giovanni Antonio Pellegrini in der lockeren koloritsensiblen Manier seiner venezianischen Heimat.

Bild von ErwinMeierEigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Die kirchenrechtlichen Bewandtnisse auf des Doms katholischem Boden sind einzigartig. Viereinhalb Jahrhunderte hindurch durfte der Chor von St. Petri, und eben nur dieser, de facto und für immerhin ein gutes halbes Jahrhundert auch de jure den Rang einer Kathedrale beanspruchen. Denn noch während das Bistum Meißen aus reformatorischer Ursache mangels Diözesaner in den letzten Zügen lag, wurde in Bautzen 1567 eine Apostolische Präfektur und damit die Anwartschaft auf ein eigenes Bistum installiert. Als dessen mit den Pontifikalia, dem Bischofsornat, ausgezeichneten ersten Apostolischen Administrator setzte Papst Gregor XIII. den Bautzener Stiftsdekan Johannes Leisentrit ein.  Indem die protestantische Gemeinde diesem Prälaten im nämlichen Gotteshaus die evangelischen Erfolgsrezepte mindestens liturgisch vor Augen führte und zu Gehör brachte, drang er auf ein >Deutsches Hochamt<, kam aber gegen die Beschlusslage des Trienter Konzils nicht an. Auch bei Kaiser Maximilian II., der den böhmischen Ständen um der Nachfolgeregelung im Königreich willen religiöse Lizenzen eingeräumt hatte, stießen Leisentrits gegenreformatorische Strebungen auf wenig Resonanz. Bleibendes Verdienst und Breitenwirkung erwarb sich der Bautzener Apostolische Administrator durch die weite Verbreitung des von ihm herausgegebenen Gesangbuchs, in das er zahlreiche Lieder der Evangelischen übernahm und siebzig Weisen aus eigener Feder beisteuerte. Bis heute populär ist jene Eigenkomposition, auf deren Melodie Heinrich Bone Mitte des 19. Jahrhunderts >Das ist der Tag, den Gott gemacht< dichtete. Mochte immer der Chor des Petridoms als vornehmste Partie einer stattlichen Stifts- und Bürgerkirche für sich einnehmen, kathedral wirkte er kaum. So durften sich denn die die mit bischöflichen Vollmachten ausgestatteten Prälaten nicht allein der Diasporasituation halber in hochwürdigster Demut üben.

Evangelischer Predigtgottesdient und katholische Messfeier simultan. Holzschnitt aus Leisentrits Gesangbuch.

Und selbst nachdem 1921 Papst Benedikt XV. St. Petri zur Bischofskirche des von ihm wiedererrichteten Bistums Meißen erhoben hatte, brauste die damals noch recht neue Orgel der protestantischen Gemeinde durch den Dom, während das etwa gleichaltrige Instrument der Kathedrale sich deutlich bescheidener vernehmen ließ. 1980 wurde der Bischofssitz in die katholische Hofkirche nach Dresden verlegt. Zu einem schönen Zeichen der Ökumene vereinten sich im vergangenen Jahr evangelische und katholische Domgemeinde mit der Aufhängung eines der Lichtkreuze aus Acrylglas von Ludger Hinse. Dort, wo Schiff und Chor – evangelischer und katholischer Gottesdienstbereich – ineinander übergehen, schillert, funkelt oder strahlt es  je nach Beleuchtung oder Standort in vielfältigstem Farbenspiel.  Gleich einer Synthese aus evangelischer Kreuzes- und katholischer Auferstehungstheologie zeigt sich so in den Umrissen des Marterholzes das lumen Christi in immerfort wandelbarer Gestalt.

Rathaus

Seit der Verleihung der Stadtrechte durch Ottokar I. erhebt sich dem Petridom gegenüber und zwischen Fleisch- und Hauptmarkt gelegen das vom Monarchen zugleich erlaubte und geforderte steinerne Rathaus. Hauptquartier des Oberlausitzer Sechsstädtebundes, setzten dessen Mitglieder von hier aus die starke kommunale Position in der landständischen Verfassung der Markgrafschaft durch, bis diese im Pönfall von 1547 beseitigt wurde. Doch tagte die Allianz bis zu ihrem durch den Wiener Kongress veranlassten Ende im Jahr 1815 im Bautzener Rathaus. Dessen hochmittelalterlicher Vorgänger wich um die Mitte des 15. Jahrhunderts einem Nachfolger, dessen tonnengewölbter Keller und Umfassungsmauern bis zum ersten Stock noch heute im Bauwerk stecken. 1493 steht der zugehörige Turm, der freilich, nachdem die Stadt 1644 in Flammen aufgegangen war, wiedererrichtet werden musste und in Folge des Rathausbrandes von 1704 seine dreistöckige Haube erhielt.

Zwischen 1729 und 1732 erfolgte des im Kern spätmittelalterlichen Baus durchgehende Barockisierung. Die Pläne lieferte der kursächsische Hofarchitekt Johann Christoph v. Naumann, der mit Augusts des Starken Jagdschloss Hubertusburg bei Oschatz sein Hauptwerk schuf. Naumann vergrößerte die Fenster, vor allem aber baute er ein zum Fleischmarkt und St. Petri gerichtetes Treppenhaus mit – dies eine architektonische Würdeformel – doppelläufiger Stiege an. Sie führt im vornehmen ersten Stock in einen sämtliche Räume erschließenden Vorsaal. Die wegen des Turmes aus der Mitte gerückte Ratskammer überfing v. Naumann wie sämtliche Räume der drei Geschosse ebenso repräsentativ wie dem Brandschutz geschuldet mit Kreuzgratgewölben.

Rathaus, barocker Stiegenvorbau

Bild von Radler59 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Im Parterre des Rathauses stand unter anderem die Brotbank, auf der die örtlichen Bäcker ihre Produkte feilhielten. Der einst mit Ladenlokalen bestückte Vorbau auf Seiten des Hauptmarktes erhielt 1863 seine sich zur Gesamterscheinung des Rathauses durchaus fügende Pilasterfassade.

Gewandhaus

Seit 1284 besaß die örtliche Tuchmacherzunft eine eigene Kaufhalle am Hauptmarkt. Im innovativen 15. Jahrhundert, dem sich auch der Petridom und der Kernbau des Rathauses verdanken, leistete sich die wohlhabendste Handwerkervereinigung der Stadt ein den Vorgänger seit 1482 ersetzendes repräsentatives Kauf- und Vereinshaus, von dem der spätgotische Keller erhalten ist. Kühn und elegant ruht dessen weit ausgespanntes Sterngewölbe auf einem einzigen oktogonalen Mittelpfeiler. Der übrige  Bau ist ein Produkt der Neorenaissance aus dem Jahr 1883. Heute sind unter anderem Teile der Stadtverwaltung darin untergebracht, so das Standesamt.

Ritter Dutschmann

Die Sagengestalt krönt einen Brunnen vor dem Gewandhaus, der zwar erst 1985 angelegt wurde, doch sich am ursprünglichen Aufstellungsort des 1584 vom Dresdner Bildhauer Christoph Walther II. geschaffenen Standbildes befindet.

Bild von Stephan M. Höhne – own picture, Sony DSC-R1, CC BY-SA 3.0, Link

Der mythische Sorbenfürst posiert bei forgeschrittenen Jahren in einem der antikisierenden Muskelpanzer, wie die deutsche Renaissance sie liebte. Die Sage kennt Dutschmann als tollkühnen Reiter, der samt Pferd beim waghalsigen Satz über den offenbar seeartig vorgestellten Marktbrunnen auf Nimmerwiedersehen verschwunden sei. Ob in des Brunnens Tiefen versunken oder außer Landes gesprungen, lässt die Sage offen. Gewiss aber ließ der Bautzener Magistrat Dutschmanns Spätrenaissance-Standbild analog zu den die städtischen Privilegien verkörpernden mittelalterlichen Rolandsfiguren als Symbol der nach dem Pönfall wiedererlangten kommunalen Freiheiten aufstellen.

Die Verkündigung ruht auf Mose und den Zehn Geboten. Barocke Kanzel in der Michaeliskirche.

Alte Wasserkunst

Der zum Dank für das nach fester Überzeugung der spätmittelalterlichen Einwohner unmittelbare Eingreifen der Erzengels bei der Abwehr der Hussiten gestifteten spätgotischen Michaeliskirche unmittelbar benachbart, ragt der Kindheitsphantasien wachrufende Ingenieur- und Wehrbau, den ich schon am Vortag bei der Einfahrt über die Friedensbrücke erblickt hatte. Um die lagebedingt unzureichende Wasserversorgung aus den Brunnen der Stadt mit dem Nass der Spree auszugleichen, war 1495 ein hölzerner Vorgänger fertiggestellt worden. Der freilich nach kaum zwei Jahrzehnten abbrannte. 1558 hatte Stadtbaumeister Wenzel Röhrscheidt  d. Ä. mehr als Ersatz geschaffen. Verteidigungszwecken diente nun der den rechteckigen Unterbau des 47 m hohen Turms abschließende Wehrgang ebenso wie die Geschützplattform im Dachgeschoss. Zur treffsicheren Aufstellung der dortigen Kanonen konstruierte der ballistisch versierte Röhrscheidt den asymmetrischen Turmhelm.

Bild von Stephan M. Höhne – own work, Sony DSC-R1, CC BY-SA 3.0, Link

Die Wasserkunst selbst bestand aus Holz. Die unweit mittels Stauwehr aufgehaltene Spree trieb nicht anders als bei Mühlenbauten ein Wasserrad an, dieses Kolbenpumpen, die das Nass durch eine Röhre in einen kupfernen Sammelbehälter im Obergeschoss beförderten. Fünf Meter über dem Bassin auf dem Fleischmarkt gelegen, diente das Gefälle zu dessen Befüllung durch hölzerne Leitungen. 1597 wurde ein zweites Schöpfwerk eingebaut. Seit 1798 ersetzte der Magistrat die teils durchgefaulten, teils unter Wasserdruck gerissenen hölzernen Röhren durch gusseiserne.

Um 1920 wurde das Wasserrad  gegen eine Turbine ausgetauscht, deren 17,5 PS zwei Pumpen antrieben, von denen die eine 30000 Liter je Stunde in den Sammelbehälter hob, die andere 20000 Liter. Erst 1965 stellte die >Alte Wasserkunst< nach über vierhundert Jahren den Betrieb ein. Einzig die Turbine wird zu Demonstrationszwecken mitunter noch angeworfen, erzeugt dann aber Strom. Die Dienstwohnung des Wassermeisters befand sich im Haus gleich neben seinem Arbeitsplatz. Nicht unterschlagen will ich die flussaufwärts jenseits der Friedensbrücke gelegene >Neue Wasserkunst<. Zwar reicht ihre Gründung bis in die Zeit kurz nach 1600 zurück, ihre jetzige Gestalt unter markanter Kuppelhaube freilich datiert ins  Jahr 1721. Der Betrieb wurde 1893 eingestellt.

 Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden nun gewiss nach den Sorben, den Zeugnissen ihrer Geschichte und Kultur fragen. Bautzen bietet mit dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater, dem Sorbischen Museum, Brauchtum und auch einer eigengeprägten Küche vielfältige thematische Anknüpfungsmöglichkeiten. Ich habe mir vorgenommen, Sie damit später einmal zu unterhalten, etwa dann, wenn die örtliche Bühne keinen Einschränkungen durch die Covid-19-Lage mehr unterliegen wird.

Bild von Julian NyčaEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

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